Gegen die Strömung

Die erste LP war ein Flop. Ich hab’ sie trotzdem in meiner Sammlung.
Dass er mal so alt werden würde, hatte er für sich wohl am wenigsten erwartet. Udo Lindenberg, Rockpionier deutscher Texte und Idol meiner Generation wird morgen 75.

Musikalisch ließ sich Udo nie in eine Ecke drängen, vom Deutschrock zur Ballade, vom harten Beat zum Bluesrock oder Rock‘n Roll. Egal welche Musikrichtung – immer war Lindenberg seiner Zeit voraus. Den Rechtsruck in der Gesellschaft hatte er bereits musikalisch thematisiert, als das das Problem des Rechtsradikalismus im Bewusstsein der meisten Bundesbürger überhaupt noch nicht angekommen war.

Texte von Berthold Brecht, Zarah Leander, Friedrich Hollaender oder der Knef hat er musikalisch neu interpretiert. Nicht zu vergessen Marlene Dietrich, die auf dem Album Hermine zu hören ist und Udo Lindenberg kurz vor ihrem Tod als Erinnerung jeden Tag zu leben als wär’s der letzte, einen Ring mit der Zahl sieben geschenkt hat.

Udos Kompositionen ließen selbst hartgesottene Rockerherzen schmelzen wie Eis in der Sonne. Lieder wie »Baby wenn ich down bin«, wurden Hymnen.

Unvergessen die Säuferballaden »Lady Wiskey« und ganz besonders »Unterm Säufermond«.

Dazu bei Liveauftritte die Bühnenshows, die ihresgleichen suchten. Man denke an die Rockrevue zum Auftakt der Dröhnland Symphonie, inszeniert von Peter Zadek. So etwas hatte man bis dahin in Deutschland noch nicht gesehen. Zum 70zigsten lud Udo u.a. in die Veltins-Arena auf Schalke. Eierlikörchen inklusive.

Und auch bei diesem Konzert zeigte Lindenberg eine Show, die Theatergott Zadek zur Ehre gereicht hätte. Seine Konzerte waren intergalaktisch. Udos schnoddrige Art täuscht – er ist Perfektionist. Gerüchten zufolge hat der Sänger die bombastischen Bühnenshows in den Anfängen seiner Karriere lieber selbst bezahlt, als auch nur auf ein ihm wichtiges Detail zu verzichten.

Das letzte Album kam 2016 auf den Markt. Einmal mehr hatte Lindenberg sich neu erfunden, die Kritiker lobten das Album überschwänglich. Älter, reifer, nachdenklicher und sinnlicher aber immer noch mit feinsinnigem Humor, wie in dem Lied »Wenn die Nachtigall verstummt« auf dem Album »Stärker als die Zeit«, oder sinnlich wie mein persönlicher Favorit »Durch die schweren Zeiten«.

Knapp 50 Alben hat Udo Lindenberg produziert. Alles Gute und auf das die Nachtigall noch lange nicht verstummt.

Wärmer

Hier im Sauerland hat’s ja letzte Woche noch geschneit, bevor sich gestern mit aller Macht und Temperaturen um 27 Grad der Frühling breit gemacht hat. Im Moment scheint sich das Wetter auf der Normalskala einzupendeln.

Ausflug

Zeit für mehr Bewegung an frischer Luft. Jetzt wo sich die Temperaturen langsam der tatsächlichen Jahreszeit annähern, wäre ein Ausflug mit dem Fahrrad schön, merkt Mrs. L an. Vor dem geistigen Auge sehe ich meine gemütlichen Sonntage mit einem Buch und Kaffee in halbliegender Position in meinem Sessel eintauschend gegen einen harten Fahrradsitz um die Berge im Sauerland hoch zu strampeln.

Gegenwehr ist unmöglich, alle meine Argumente laufen ins Leere. Leicht panisch versuche ich Mrs. L davon zu überzeugen, dass technische Geräte nach langem Stillstand einer umfangreichen Inspektion bedürfen, die nicht mal eben so zu bewerkstelligen ist – Im Gegenteil – eine solche Inspektion bedürfe ebenfalls einer langen Vorbereitungs – und Planzeit. Alleine – das ficht Mrs. L nicht an, schließlich, so die Gegenargumentation, hätte ich bereits Wochen Zeit dazu gehabt. Letztendlich, so ihre Entgegnung, stünde ihres Erachtens auch nur ein Fahrrad im Keller und keine 1963‘er Harley Davidson, die nach Winterruhe zum Leben erweckt werden müsste. Schade, denke ich bei mir, ein Ausflug mit einer Harley würde mir den Abschied vom Sessel nämlich erleichtern.

Ich google also nach „kurze Fahrradtour Sauerland“ und bin überrascht über die Auffassung der meisten wohl fahrradfreudigen Menschen über die Wegstrecke, die mit einem Fahrrad zurückzulegen sei. Neben Bildern von wadenmuskelbepackten Fahrradnutzern auf Mountainbikes sehe ich für meine Eingabe Suchvorschläge ab mindestens 20 Kilometern. Der von mir favorisierte Rundkurs von 10 Kilometern wird überhaupt nicht aufgeführt und eine Runde um unser Dorf beantwortete Mrs. L mit einem alles vernichtenden Blick.

Am vergangenen Wochenende rettete mich Sven Plöger. Der Meteorologe riet am Sonntag zu Schal und Mütze, wärmer als drei vier Grad soll’s nicht werden. Ein Argument gegen Freiluftaktivitäten, dem sich auch Mrs. L nicht verschließen kann – aber nächstes Wochenende bin ich wohl dran.

Wahr und Unwahr XLVII

Wahr ist, dass offensichtlich viele Politiker „Provisionen“ für einen legitimen Teil ihres Politikerlohns halten.

Unwahr ist, dass Voraussetzung für eine Karriere in der Politik wenigstens drei nachweisbare Geldeinzahlungen auf das private Konto sind, die nichts mit der Abgeordnetenentschädigung zu tun haben.

Wahr ist, dass die Aktion #allesdichtmachen einiger Schauspieler, die die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung ironisch kritisieren sollte, komplett in die Hose gegangen ist. Wahr ist auch, dass einige Schauspieler augenscheinlich nicht wussten, um was es überhaupt geht und völlig überrascht worden sind von der Reaktion der Öffentlichkeit.

Unwahr ist, dass die meisten Schauspieler ihr Gesicht in jede Kamera halten und alles vortragen, was immer ihnen ein halbwegs bekannter Regisseur als Textscript überreicht.

Wahr ist, dass die Aufklärung zu den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche immer noch durch Kardinal Woelki ausgebremst wird.

Unwahr ist, dass Woelki beweisen will, die Missbrauchsfälle würden auf einer Fehlinterpretation der Textstelle: “Lasset die Kinder zu mir kommen”, im Markusevangelium beruhen.