Einführung in das Verkehrsrecht

Mrs. L ist in die Falle getappt. In die Verkehrsfalle. In die­sem Zusammenhang in Form einer gesperr­te Straße mit Präsenz der Ordnungshüter vor Ort. Ausgerechnet die Straße, die sozu­sa­gen als Heimweg für uns seit Jahrzehnten gesetzt ist. Nun ist die Sperrung nichts Neues. Die Straße ist ein bes­se­rer Feldweg, der von den Behörden auf­grund der Verkehrssicherungspflicht gesperrt wor­den ist. Anlieger indes haben ein „Wegerecht“, der die ord­nungs­wid­rig­keits­freie Nutzung bis nach Hause ermöglicht. 

Allein — unser Haus liegt hin­ter dem Schild, das heißt, rein recht­lich sind wir kei­ne Anlieger mehr. Ich sel­ber hat­te das bereits durch die Zahlungen meh­re­rer Bußgelder prak­tisch erfah­ren müs­sen. Mein Hinweis, dass eine ver­kehrs­s­recht­li­che Tatsache nicht dadurch außer Kraft gesetzt wer­de, dass man sie nicht befolgt, ließ Mrs. L mit dem Hinweis, man dür­fe sich nicht alles gefal­len las­sen, nicht gelten. 

Letztendlich hiel­ten mei­ne Feststellungen Mrs. L nicht davon ab, eige­ne Erfahrungen zu sam­meln. So kam, was kom­men muss­te und ges­tern demons­trier­te die Ordnungsmacht ihren Handlungswillen und for­der­te für die Ordnungswidrigkeit des Befahrens einer für den Autoverkehr gesperr­ten Straße 50 Euro Bußgeld. 

Mrs. L hin­ge­gen demons­trier­te gegen­über der Exekutiven ihre Renitenz und ver­such­te sich in juris­ti­scher Argumentation und das mit Nachdruck. Geholfen hat das alles nicht. Statt eines Bußgelds erwar­tet Mrs. L nun eine Anzeige – ich ver­mu­te anhän­gend eine Vorladung wegen Insubordination und unge­bühr­li­chem Verhalten gegen­über dem Rechtsstaat. 

Grünkohlzeit

Wenn es so etwas wie ein Nationalgericht im Sauerland gibt, dann ist das zumin­dest ab November und der ers­ten Frostphase der Grünkohl. Nicht zu ver­wech­seln ist der Sauerländer Grünkohl mit dem Grünkohlgericht der Norddeutschen: Grünkohl und Pinkel. Im west­fä­li­schen Sauerland bestellt man ers­tens nur Grünkohl und stellt zwei­tens fest, dass die Fleischlast auf dem Grünkohlgericht ein­deu­tig die Oberhand hat. 

Der Grünkohl sel­ber hat mehr eine Alibifunktion. Manch einer behaup­tet gar, die rie­si­gen Fleischmengen aus Wurst und Fleisch, die den Grünkohl einer Haube nicht unähn­lich bede­cken, dien­ten als Warmhalter für den Grünkohl, der sicht­bar wird, wenn geneig­ter Grünkohlesser drei Kilo Fleisch und Wurst vom Teller geges­se­nen hat. 

Man kommt auch gar nicht drum­her­um, um den Grünkohl mei­ne ich. Jedes Restaurant und jede Kantine, ja sogar jeder Koch oder jede Köchin zu Hause und die Schwiegermutter stellt ab Anfang Dezember die Tageskarte auf Grünkohl um. 

Ich sel­ber kam in die­ser Woche BEREITS DREI MAL in den Genuss. Der Vorteil ist, dass nach erfolg­rei­chem Verzehr des west­fä­li­schen Grünkohlgerichts die Sättigung unge­fähr zwei Tage anhält. Der Nachteil ist, dass Sie sich zwei Tage kaum bewe­gen kön­nen. Am drit­ten Tag, Sie ahnen es, gibt‘s den nächs­ten Grünkohl zu Mittag.

Wenn Sie das alles bis Weihnachten mit­ge­macht haben und das Fest kuli­na­risch auch noch in vol­len Zügen genie­ßen, kön­nen Sie im Januar ihre alten Jeans ob der neu erwor­be­nen Leibesfülle getrost entsorgen. 

Ach so, Tipp für Anfänger: Sagen Sie nie, dass sie satt sei­en, denn dann lösen Sie den berühm­ten Grünkohlschluck aus und es gibt zu den Unmengen an fes­ter Nahrung Unmengen an flüs­si­ger Nahrung in Form von Aquavit.

Noch ein Tipp: Lassen Sie die Kartoffeln gleich ganz weg, die lie­gen eh nur wegen des Kontrasts auf dem Teller. 

Bonjour tristesse

Meine Güte, das ist ja kaum aus­zu­hal­ten mit dem ewi­gen Dunkel- und Regentagen aktu­ell. “Der November ist sicher der Monat der meis­ten Suizide”, schwa­dro­nie­re ich bei einem Spaziergang mit Mrs. L. so vor mich hin. Die lässt sich in ihrem uner­schüt­ter­li­chen Optimismus über­haupt nicht von mei­ner fast schon depres­si­ven Stimmung beeinflussen. 

Letztendlich hät­te alles sein Gutes, auch die Regentage im November. Das mag ja sein, aber Dunkelheit mit Regen, dazu die stän­di­ge Corona-Thematik, das kann einem schon die Laune ver­ha­geln. Mrs. L. ver­sucht eine Aufmunterung und merkt an, dass ja bald Weihnachten wäre und da wür­den wir doch schön wie­der mit der gan­zen Familie zusam­men­kom­men und wenn wir Glück hät­ten gäb’s sogar Schnee. 

Beides ist nicht ange­tan dazu, mei­ne Laune zu ver­bes­sern — ganz im Gegenteil. Der Vorschlag mei­ner­seits eine zehn­wö­chi­ge Quarantäne vor­zu­täu­schen und einen Winterschlaf ein­zu­le­gen kom­men­tiert Mrs. L. mit nicht mehr als mit dem Hochziehen einer Augenbraue, um mich dann dar­an zu gemah­nen, den Auftritt als Weihnachtsmann beim Familienanhang des jüngs­ten Netzkindes zuge­sagt zu haben.

Aus mei­ner Schulzeit ist mir blass erin­ner­lich, dass in der Mathematik bei direk­ter Verbindung zwei­er Variablen, sich der Wert einer bestimm­ten Variablen erhöht, wenn sich Wert einer ande­ren Variablen nach unten bewegt, oder so ähnlich. 

Vielleicht soll­te ich die­ser Tage ein­fach mal Lotto spielen.… 

Salami ohne Brot

Das jüngs­te Netzkind über­rascht mit pro­fun­den Kenntnissen in Verhaltensbiologie. Jüngst bei uns zu Besuch mel­det das Kind Hunger an. Hunger heißt in dem Fall meist ein Brot mit Salami, die ich natür­lich nach einem dezen­ten Hinweis mei­ner Großnichte da habe. Unmissverständlich mach­te sie mir damals klar, dass etwai­ge Besuche von ihr vom Salamivorrat in unse­rem Kühlschrank abhingen. 

Seitdem bemü­he ich mich, den begehr­ten Wurstaufschnitt als Brotbelag zu bevorraten. 

Nach Erteilung genau­er Anweisung, näm­lich der exak­ten Schichtdicke der Butter und des auf­grund feh­len­der Schneidezähne unbe­dingt ein­zu­hal­ten­den Formschnitt des Brotes, gab‘s das obli­ga­to­ri­sche Stück Salami vor­ab für das Netzkind und mich auf die Hand.

Nicht so ganz unbe­merkt, wie ich erhofft hat­te. Die Mutter des Netzkinds bemerk­te leicht ver­är­gert, dass ihre Erziehung durch sol­che Methoden stän­dig unter­gra­ben wür­den und ich es auch damit nicht bes­ser mache, höchst selbst Salami ohne Brot zu verspeisen. 

Das Netzkind ver­tei­digt uns mit einem Augenzwinkern und erklärt kur­zer­hand die Wissenschaft der ver­glei­chen­den Verhaltensforschung zur Ursache des unge­bühr­li­chen Gebarens: »Das ist bei uns so, wir kön­nen nix dafür, wir sind ja auch schließ­lich verwandt.«

Mrs. L wird kreativ

Nach ein paar frei­en Tagen, die neben der Erholung der Ausführung lang Liegengebliebenes die­nen soll­ten, ent­deckt Mrs. L ihre künst­le­ri­schen Ambitionen. Das ist nichts Neues und auch ich wer­de meis­tens in den krea­ti­ven Prozess mit ein­be­zo­gen, wenn auch nur als Materialbeschaffer oder Statist. In die­sem Fall rief Mrs. L von der Flurtreppe in den Keller, wo ich den Heizungskeller sanie­rend auf allen vie­ren gera­de dabei war, die Fliesenarbeiten im Heizungskeller abzu­schlie­ßen, nach mei­ner­sei­ti­gem Gebrauch von ein paar Schuhen auf dem Dachboden. 

In der Fugenmasse lie­gend deu­te­te ich die Frage nach lan­ge unge­nutz­ten Schuhwerk von mir als Zuordnung der­sel­ben zur Reststoffverwertung, schließ­lich wer­den Aufräumarbeiten in der Prioritätenliste nament­lich mit mei­nem Namen ver­bun­den und mit dem Satz ent­schul­digt: „Das woll­test Du doch sowie­so nicht mehr anzie­hen, oder?“ 

Eingedenk der Tatsache, beim Versuch des Nachschauens, wel­che Schuhe von mir nun ver­meint­lich ent­sorgt wer­den soll­ten, das gesam­te Treppenhaus mit anhaf­ten­der Fugenmasse zu ver­sau­en, beeil­te ich mich der Beseitigung des auf dem Dachboden gela­ger­ten Schuhwerks zuzustimmen. 

Meine Schuhe soll­ten aller­dings mit­nich­ten der Abfalltonne zuge­ord­net wer­den, wie ich spä­ter erfuhr. Dienlich waren sie eher der krea­ti­ven Ader von Mrs. L.

Im Endergebnis des Kreativprozesses sitzt nun eine Figur auf unse­rer Gartenbank, der frei­lich der Oberkörper fehlt. 

Schöpferisch zu sein gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen, es för­dert die Sinneswahrnehmung und Kreativität der rech­ten Hemisphäre. 

Allerdings nur bei Mrs. L., bei mir löst es eher einen Schluckauf im lim­bi­schen System aus: Ich erschre­cke mich jedes Mal beim Anblick der sit­zen­den unte­ren Körperhälfte mit mei­nen Schuhen. 

Niederlande Tourismusbefreit

Die Meldung kam mit­ten im Urlaub: Hochinzidenzgebiet. Das reich­te, um die deut­schen Touristen aus den Niederlanden zu ver­trei­ben. Mitten im Urlaub erfass­te eine Abreisewelle die Nordseeküste, die lee­re Strände, Bars, Cafes und Restaurants zurück­ließ. Aus Sorge um eine dro­hen­de Quarantäne in Deutschland ver­lie­ßen die meis­ten Ungeimpften het mooie Nederland. Mein Mitleid zir­ku­lier­te der­weil mit den Vorteilen, Urlaub ohne deut­sche Touristen zu genie­ßen. Mit Blick auf Mrs.L und mei­nen Impfstatus und die lee­ren Strände, obsieg­te aller­dings letzteres. 

Ausflug

Zeit für mehr Bewegung an fri­scher Luft. Jetzt wo sich die Temperaturen lang­sam der tat­säch­li­chen Jahreszeit annä­hern, wäre ein Ausflug mit dem Fahrrad schön, merkt Mrs. L an. Vor dem geis­ti­gen Auge sehe ich mei­ne gemüt­li­chen Sonntage mit einem Buch und Kaffee in halblie­gen­der Position in mei­nem Sessel ein­tau­schend gegen einen har­ten Fahrradsitz um die Berge im Sauerland hoch zu strampeln. 

Gegenwehr ist unmög­lich, alle mei­ne Argumente lau­fen ins Leere. Leicht panisch ver­su­che ich Mrs. L davon zu über­zeu­gen, dass tech­ni­sche Geräte nach lan­gem Stillstand einer umfang­rei­chen Inspektion bedür­fen, die nicht mal eben so zu bewerk­stel­li­gen ist – Im Gegenteil – eine sol­che Inspektion bedür­fe eben­falls einer lan­gen Vorbereitungs – und Planzeit. Alleine – das ficht Mrs. L nicht an, schließ­lich, so die Gegenargumentation, hät­te ich bereits Wochen Zeit dazu gehabt. Letztendlich, so ihre Entgegnung, stün­de ihres Erachtens auch nur ein Fahrrad im Keller und kei­ne 1963‘er Harley Davidson, die nach Winterruhe zum Leben erweckt wer­den müss­te. Schade, den­ke ich bei mir, ein Ausflug mit einer Harley wür­de mir den Abschied vom Sessel näm­lich erleichtern. 

Ich goog­le also nach „kur­ze Fahrradtour Sauerland“ und bin über­rascht über die Auffassung der meis­ten wohl fahr­rad­freu­di­gen Menschen über die Wegstrecke, die mit einem Fahrrad zurück­zu­le­gen sei. Neben Bildern von waden­mus­kel­be­pack­ten Fahrradnutzern auf Mountainbikes sehe ich für mei­ne Eingabe Suchvorschläge ab min­des­tens 20 Kilometern. Der von mir favo­ri­sier­te Rundkurs von 10 Kilometern wird über­haupt nicht auf­ge­führt und eine Runde um unser Dorf beant­wor­te­te Mrs. L mit einem alles ver­nich­ten­den Blick. 

Am ver­gan­ge­nen Wochenende ret­te­te mich Sven Plöger. Der Meteorologe riet am Sonntag zu Schal und Mütze, wär­mer als drei vier Grad soll’s nicht wer­den. Ein Argument gegen Freiluftaktivitäten, dem sich auch Mrs. L nicht ver­schlie­ßen kann – aber nächs­tes Wochenende bin ich wohl dran.