Bonjour tristesse

Meine Güte, das ist ja kaum auszuhalten mit dem ewigen Dunkel- und Regentagen aktuell. “Der November ist sicher der Monat der meisten Suizide”, schwadroniere ich bei einem Spaziergang mit Mrs. L. so vor mich hin. Die lässt sich in ihrem unerschütterlichen Optimismus überhaupt nicht von meiner fast schon depressiven Stimmung beeinflussen.

Letztendlich hätte alles sein Gutes, auch die Regentage im November. Das mag ja sein, aber Dunkelheit mit Regen, dazu die ständige Corona-Thematik, das kann einem schon die Laune verhageln. Mrs. L. versucht eine Aufmunterung und merkt an, dass ja bald Weihnachten wäre und da würden wir doch schön wieder mit der ganzen Familie zusammenkommen und wenn wir Glück hätten gäb’s sogar Schnee.

Beides ist nicht angetan dazu, meine Laune zu verbessern – ganz im Gegenteil. Der Vorschlag meinerseits eine zehnwöchige Quarantäne vorzutäuschen und einen Winterschlaf einzulegen kommentiert Mrs. L. mit nicht mehr als mit dem Hochziehen einer Augenbraue, um mich dann daran zu gemahnen, den Auftritt als Weihnachtsmann beim Familienanhang des jüngsten Netzkindes zugesagt zu haben.

Aus meiner Schulzeit ist mir blass erinnerlich, dass in der Mathematik bei direkter Verbindung zweier Variablen, sich der Wert einer bestimmten Variablen erhöht, wenn sich Wert einer anderen Variablen nach unten bewegt, oder so ähnlich.

Vielleicht sollte ich dieser Tage einfach mal Lotto spielen….

Salami ohne Brot

Das jüngste Netzkind überrascht mit profunden Kenntnissen in Verhaltensbiologie. Jüngst bei uns zu Besuch meldet das Kind Hunger an. Hunger heißt in dem Fall meist ein Brot mit Salami, die ich natürlich nach einem dezenten Hinweis meiner Großnichte da habe. Unmissverständlich machte sie mir damals klar, dass etwaige Besuche von ihr vom Salamivorrat in unserem Kühlschrank abhingen.

Seitdem bemühe ich mich, den begehrten Wurstaufschnitt als Brotbelag zu bevorraten.

Nach Erteilung genauer Anweisung, nämlich der exakten Schichtdicke der Butter und des aufgrund fehlender Schneidezähne unbedingt einzuhaltenden Formschnitt des Brotes, gab‘s das obligatorische Stück Salami vorab für das Netzkind und mich auf die Hand.

Nicht so ganz unbemerkt, wie ich erhofft hatte. Die Mutter des Netzkinds bemerkte leicht verärgert, dass ihre Erziehung durch solche Methoden ständig untergraben würden und ich es auch damit nicht besser mache, höchst selbst Salami ohne Brot zu verspeisen.

Das Netzkind verteidigt uns mit einem Augenzwinkern und erklärt kurzerhand die Wissenschaft der vergleichenden Verhaltensforschung zur Ursache des ungebührlichen Gebarens: »Das ist bei uns so, wir können nix dafür, wir sind ja auch schließlich verwandt.«

Mrs. L wird kreativ

Nach ein paar freien Tagen, die neben der Erholung der Ausführung lang Liegengebliebenes dienen sollten, entdeckt Mrs. L ihre künstlerischen Ambitionen. Das ist nichts Neues und auch ich werde meistens in den kreativen Prozess mit einbezogen, wenn auch nur als Materialbeschaffer oder Statist. In diesem Fall rief Mrs. L von der Flurtreppe in den Keller, wo ich den Heizungskeller sanierend auf allen vieren gerade dabei war, die Fliesenarbeiten im Heizungskeller abzuschließen, nach meinerseitigem Gebrauch von ein paar Schuhen auf dem Dachboden.

In der Fugenmasse liegend deutete ich die Frage nach lange ungenutzten Schuhwerk von mir als Zuordnung derselben zur Reststoffverwertung, schließlich werden Aufräumarbeiten in der Prioritätenliste namentlich mit meinem Namen verbunden und mit dem Satz entschuldigt: „Das wolltest Du doch sowieso nicht mehr anziehen, oder?“

Eingedenk der Tatsache, beim Versuch des Nachschauens, welche Schuhe von mir nun vermeintlich entsorgt werden sollten, das gesamte Treppenhaus mit anhaftender Fugenmasse zu versauen, beeilte ich mich der Beseitigung des auf dem Dachboden gelagerten Schuhwerks zuzustimmen.

Meine Schuhe sollten allerdings mitnichten der Abfalltonne zugeordnet werden, wie ich später erfuhr. Dienlich waren sie eher der kreativen Ader von Mrs. L.

Im Endergebnis des Kreativprozesses sitzt nun eine Figur auf unserer Gartenbank, der freilich der Oberkörper fehlt.

Schöpferisch zu sein gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen, es fördert die Sinneswahrnehmung und Kreativität der rechten Hemisphäre.

Allerdings nur bei Mrs. L., bei mir löst es eher einen Schluckauf im limbischen System aus: Ich erschrecke mich jedes Mal beim Anblick der sitzenden unteren Körperhälfte mit meinen Schuhen.

Niederlande Tourismusbefreit

Die Meldung kam mitten im Urlaub: Hochinzidenzgebiet. Das reichte, um die deutschen Touristen aus den Niederlanden zu vertreiben. Mitten im Urlaub erfasste eine Abreisewelle die Nordseeküste, die leere Strände, Bars, Cafes und Restaurants zurückließ. Aus Sorge um eine drohende Quarantäne in Deutschland verließen die meisten Ungeimpften het mooie Nederland. Mein Mitleid zirkulierte derweil mit den Vorteilen, Urlaub ohne deutsche Touristen zu genießen. Mit Blick auf Mrs.L und meinen Impfstatus und die leeren Strände, obsiegte allerdings letzteres.