Zeugnisausgabe

Das jüng­ste Net­zkind bringt ihr erstes Zeug­nis nach Hause. Die Unter­schiede zu einem Zeug­nis der höheren Klassen liegen in der Art der Beurteilung. Nicht Noten wer­den vergeben; die Eltern wer­den in ein­er schriftlichen Beurteilung über die Fähigkeit­en ihrer Kinder informiert. Als ihr Onkel bin ich natür­lich neugierig, wo die Stärken des Net­zkindes liegen. Auf meine Frage, wie das Zeug­nis aus­ge­fall­en sei, bekomme ich die von ihr inter­pretierte Stel­lung­nahme ihrer Lehrer in Kurz­form: “Alles Einsen.“ 

Ich staune und gebe zu bedenken, dass eine Ausle­gung des durch die Lehrer erstell­ten Textes des Zeug­niss­es durch Über­set­zung in eine Note nicht so ganz ein­fach wäre. 

„Doch“, insistiert das Net­zkind, „alles Ein­sen, hab’ ich doch ger­ade gesagt.“ 

Reparaturarbeiten

Mrs. L ist besorgt über den Zus­tand ihres Fahrrades. Die Reifen sind abge­fahren und die Brem­sen zeigen eben­falls einen erhe­blichen Ver­schleiß. Repari­eren ist ange­sagt. Das Wort löst in mir pawlow’sche Reflexe aus. Repari­eren ist mein Ding! 

Das sieht Mrs. L allerd­ings etwas anders. Mein Enthu­si­as­mus ist deut­lich aus­ge­bremst. Ich werfe Mrs. L vor, mein außergewöhn­lich­es Reparatur­tal­ent nicht so zu würdi­gen, wie es den von mir erfol­gre­ich durchge­führten Instand­set­zun­gen gebührt. 

Mrs. L merkt an, dass ihr nicht fehlen­des Reparatur­tal­ent Sor­gen bere­ite, son­dern mein grund­sät­zlich­er Umgang mit dem kon­struk­tiv­en Kern des instandzuset­zen­den Gerätes. 

So sei, so Mrs. L weit­er, es nicht unüblich, dass bei been­de­ter Reparatur ein paar Teile nicht an den Platz zurück gefun­den hät­ten, wo sie ehe­dem hingehörten. 

Mein ständi­ger Hin­weis auf Kon­struk­tions­fehler und der Annahme, dass die Teile schlichtweg über­flüs­sig seien, mache die Sache nicht bess­er. Zwar wür­den sämtliche von mir repari­erte Gegen­stände dur­chaus funk­tion­ieren, aber es wäre ihr doch lieber, wenn die Teile im Nach­hinein nicht Geräusche machen wür­den, die an ros­tige Schrauben in einem Fleis­chwolf erinnern. 

Andere Umstände

Das jüng­ste Net­zkind zeigt sich über­rascht. In dem Haus, in dem sie wohnt, haben gle­ich mehrere Müt­ter Nach­wuchs bekom­men – und das im Abstand von weni­gen Tagen. Bei so viel Gebär­freude drängt sich irgend­wann die Frage nach dem Wie ganz von alleine auf.

Nach einem Anlauf bei Mrs. L. erhält das Kind den diplo­ma­tis­chen Hin­weis, dass es einige Fra­gen gäbe, die nur von den Eltern zu beant­worten wären. Damit gibt sich das Net­zkind vor­erst zufrieden. Nur wenige Stun­den später dann die Erk­lärung zu dem eher schwieri­gen The­ma: Sie habe beobachtet, dass die Müt­ter immer dick­er wer­den, so das Net­zkind, ver­mut­lich durch Schokolade. 

Da ihr Großonkel ihr bere­its im Kinder­gartenal­ter die physikalis­che Grund­lage von Über­druck anschaulich erk­lärt hat, ist die Schlussfol­gerung für eine kindliche Vorstel­lung des Endes ein­er Schwanger­schaft nur fol­gerichtig und so klärt uns das Net­zkind auf: „Die Mamas sind irgend­wann explodiert. So hat­ten wir bei uns im Haus eine Kinderexplosion.“ 

Geschenkpapierformel

Wei­h­nachtlich­es Ver­pack­tes erin­nert bei meinen Fähigkeit­en lei­der mehr an etwas aus Papi­er, dass anschließend von einem Bus über­rollt wor­den ist. Das ist kein bös­er Wille, es fehlt ein­fach die Vorstel­lung der richti­gen Menge Wei­h­nachtspa­pi­er in Abhängigkeit der Größe des Geschenks. Der Math­e­matik sei dank, auch hier eine Lösung gefun­den zu haben. Der britis­che Math­e­matik­er War­wick Dumas hat eine Formel entwick­elt, wonach sich die exakt benötigte Menge des Ver­pack­ungs­ma­te­ri­als berech­nen lässt. Dem­nach soll die Länge des Geschenkpa­piers den Umfang des Geschenks nicht über­schre­it­en. Die Formel hierzu lautet: 

2 (ab + ac + bc + c²)

In der Prax­is lässt sich zumin­d­est für mich kein nen­nenswert­er Vorteil erken­nen. Die Anwen­dung der Formel ergab min­destens bei einem Geschenk eine Seit­en­länge von 400 Metern. Vielle­icht habe ich aber auch nur Schwierigkeit­en mit der Mathematik. 

Besatzungsmacht Muridae

Der natür­liche Feind der Haus­maus ist die Katze, so sie, die Haus­maus, ihrem Namen gerecht wird und sich dort aufhält, wo die Katze zu Hause ist. Lei­der haben wir keine Katzen mehr, dafür Vertreter der Gat­tung der Langschwanzmäuse(Muridae).

Wirk­same Schlag­falle, allerd­ings mögen Mäuse ent­ge­gen der landläu­fi­gen Mei­n­ung keinen Käse.

Mrs. L bemerk­te neben den Hin­ter­lassen­schaften weit­ere Anze­ichen für die fort­geschrit­tene Eroberung unseres Dachbo­dens durch die mit­tel­großen Nag­er. Nun ist eine Maus auf dem Dachbo­den ein zu ver­nach­läs­si­gen­des Prob­lem, zumin­d­est für mich. 

Mrs. L sieht das anders und wies mich mit Nach­druck auf die Notwendigkeit, der völk­er­rechtswidri­gen Besatzung ein Ende zu machen. 

Als geübter Jäger, der sich im prak­tis­chen Ein­satz des Fan­gens aller eingeschleppten Arten von Geti­er durch unsere Katzen behauptet hat, bere­it­ete ich die Gefan­gen­nahme des Nagers vor. 

Mäuse sind in der Regel nicht so leicht in eine Falle zu lock­en, sie sind vor­sichtig und latschen nicht gle­ich in die erst­beste Hin­ter­hältigkeit. Es braucht einiges an Erfahrung und Geduld um so einen Nag­er zu fangen. 

Umso ver­wun­dert­er war ich, dass die aufgestellte Falle das Pelzti­er bere­its nach weni­gen Stun­den exeku­tiert hatte.

Zur Sicher­heit stellte ich die Falle neu auf, um festzustellen, dass ein zweit­er Okku­pant am näch­sten Mor­gen Opfer der Falle gewor­den war. 

Jet­zt war ich doch etwas beun­ruhigt. Eine Maus ok, aber von zwei Mäusen bis zur Rot­ten­bil­dung ist es nun mal nicht weit. 

Die Ver­mu­tung bestätigte sich beim drit­ten vierten, fün­ften und sech­sten Mal.

Man­gels Nahrung auf dem Dachbo­den und versper­rtem Rück­weg waren die Mäuse der­art aus­ge­hungert, dass sie frei­willig wie die Lem­minge in die aufgestell­ten Fall­en gingen. 

Nach ein­er Woche ist der Dachbo­den nun maus­frei und nach einem Woch­enende Entsorgung der durch die Mäuse durch Hunger angekn­ab­berten Gegen­stände sog­ar aufgeräumt. 

Balkon mit 96000 PS


Mrs.L und ich haben gesündigt, jawohl. Genötigt durch Bekan­nte schip­perten wir jüngst mit einem Riesen­schiff durch die Ost­see. Natür­lich nicht ohne schlecht­es Gewis­sen. Die Neugi­er über­wog allerd­ings. Ich hat­te von Kreuz­fahrten nicht nur nicht den blass­es­ten Schim­mer; meine Vorstel­lung ein­er Kreuz­fahrt beschränk­te sich auf auf wei­h­nachtlichen Serien a la „das Traum­schiff.“ Illus­tre Mil­lionäre lassen mit Cham­pag­n­er in der Hand, er im 4000 Euro Brioni Anzug, sie im Pradak­leid, den Blick über die Reel­ing schweifen. Umso über­raschter war ich, als ich auf die Klei­der­frage und in Sorge ob des Fal­tenwurfs meines 5 Jahre alten Anzugs zu hören bekam:“ Anzug ist nicht, aber das Aben­dessen sollte in langer Hose ein­genom­men wer­den.“ In Erman­gelung kurz­er Hosen im heimis­chen Klei­der­schrank also keine große Kreuzfahrerhürde. 

Wer erst ein­mal die Sicher­heitschecks (vier an der Zahl!) passiert und sein Recht auf infor­ma­tionelle Selb­st­bes­tim­mung an der Schiff­sklappe abgegeben hat, den umschließt das Schiff wie ein Panz­er, von dem man oben aus dem Aus­guck, Par­don von der Rel­ing, auf das runter schauen kann, was dort in dreißig Meter Tiefe so im Hafen passiert. 

Im Schiffs­bauch zeigt sich das Ambi­ente for­mi­da­bel. Hat sich der Reisende ein­mal an die ständi­ge ner­vende Desin­fizier­erei — aus mein­er Sicht albern, aber wohl notwendig — der Hände vor jed­er Restau­rant­tür gewöh­nt, präsen­tiert sich ein Buf­fet, dass tat­säch­lich seines­gle­ichen sucht. 

Pas­sagiere die sich nach abendlichen Ver­anstal­tun­gen mor­gens aus der Kabine schälen, belohnt der Blick fast jeden Mor­gen auf eine andere Stadt – und das ohne lästi­gen Fuß­marsch. Betreuter Urlaub vom Balkon aus. 

Mrs. L und ich sind uns einig: Kreuz­fahrten sind für Leute die beim Fahrrad­fahren einen Helm tragen. 

Nehmen sie die kurze Tour

Wenn sie jemals auf die Idee kom­men soll­ten, eine Kanu­tour mose­lab­wärts mit ihrer besseren Hälfte zu pla­nen, dann sind sie gut berat­en, inge­samt doch die kürzere Strecke zu wählen. Wenn Sie der Mann im Boot sind, lassen sie sich um Him­mel­swillen nicht vom Kanu­ver­lei­her mit­tels mitlei­di­gem Blick nach der Frage der lan­gen oder der kurzen Tour zu irgen­det­was überre­den, das sie später bit­ter bereuen.

Auch das gezis­chte:“ Weichei“, sollte sie auf keinen Fall in einem Anfall zur Schau stel­len­der kraft­strotzen­der Männlichkeit dazu ver­leit­en, diese für sie richtige Entschei­dung zu rev­i­dieren. Wenn sie also über fün­fzig sind und nicht ger­ade in ihrer Jugend für die olymp­is­che Mannschaft im Kan­u­fahren trainiert haben, sei an der Stelle noch ein­mal ver­sichert: DIE KURZE TOUR IST FÜR SIE DIE RICHTIGE!

Datenschutz

Das jüng­ste Net­zkind hat­te ihren Abschluss im Kinder­garten. Während sie über ein erleb­nis­re­ich­es Woch­enende mit Über­nach­tung in der Kinder­garten­stätte berichtet, blät­tere ich im mit­ge­bracht­en Ord­ner, der die Erleb­nisse der gesamten Zeit doku­men­tiert. Inter­es­san­ter Weise scheint sie in den drei Jahren mehr erlebt zu haben als ich. Neben abhefteten Selb­st­ge­bastel­tem, doku­men­tiert die Mappe fotografisch Besuche zahlre­ich­er öffentlich­er Ein­rich­tun­gen und der örtlichen Feuerwehr. 

Nach etlichen Seit­en, begleit­et mit Entzück­ungsaus­rufen aller anwe­senden Omas, Opas, Tan­ten und son­stiger Fam­i­lien­ange­höri­gen, stoße ich auf die ver­mut­lich inter­es­san­teste Seite beurkun­de­ter Kind­heit in der Kita. Die Kids soll­ten ihre größten Ärg­ernisse ver­schriftlichen; im Anschluss wurde die Botschaft in einem Behäl­ter gesammelt. 

Da sich einem jun­gen Kinder­leben die Ärg­ernisse in Gren­zen hal­ten, ver­mutete ich meinen Namen auf der Liste; der Ver­dacht erhärtete sich mit ihrer Antwort auf die Frage nach Ein­sicht umso mehr. „Das geht auf keinen Fall, ist Daten­schutz“, klärte mich das Net­zkind auf. 

Kunst am Ei

Das jüng­ste Net­zkind ist über­rascht. Ich hat­te ihr ein Bild eines kun­stvoll gestal­teten Eies via what­sapp zuge­sandt. Ungläu­big ob des kün­st­lerischen Geschicks ihres Großonkels ploppte zehn Minuten später der Mes­sen­ger auf meinem Handy mit der Frage nach dem Ob und Wie mein­er handw­erk­lichen Fähigkeit­en auf. 

Ins­beson­dere und augen­schein­lich mein­er Fähigkeit­en Oster­hasen auf Eier zu malen, ließ sie ehrfürchtig anfra­gen, ob ich gar selb­st Hand angelegt hätte an das Ei. So oder ähn­lich inter­pretierte ich zumin­d­est das staunende „Hääää?!“ des Kindes, weshalb ich mich natür­lich beeilte zu antworten, dass alles, na klar, selb­st gemacht ist. 

Das stimmte auch, betraf jedoch nicht den im Com­ic-Stil porträtierten und auf’s Ei gemal­ten Hasen.

Des Rät­sels Lösung ist eine Ban­de­role, die um das Ei gewick­elt und im Anschluss des umman­tel­ten Eies in heißes Wass­er gelegt, sich sorgsam an sel­biges anlegt um im Anschluss bei richtiger Hand­habung mit einem verblüf­fend­en Ergeb­nis beeindruckt. 

Nicht nur die ein­fache Hand­habung und das über­raschte jüng­ste Net­zkind waren die Investi­tion wert. Der Zeitaufwand für die Deko­ra­tion der öster­lichen Eier min­imiert sich näm­lich außer­dem erheblich. 

Wo früher stun­den­langes Fär­ben vorherrschte, habe ich für die Oster­deko­ra­tion von sechs Eiern nicht ganz zwei Minuten gebraucht. 

Mrs. L räumt auf

Das Net­zkind ist flügge und ver­lässt das Nest. Mrs. L gibt ihrer Trauer dergestalt Aus­druck, frei­w­er­dende Räum­lichkeit­en aufzuteilen. Wobei – aufteilen ist vielle­icht der falsche Begriff, da die Zuweisung im Raum­nutzungs­plan meist mit dem Satz begin­nt: „Ich kön­nte mir doch hier..“. 

An der Stelle wird aus dem Verb ein Imper­a­tiv. Aufteilen heißt für den Mann: Ren­ovieren der Frei­flächen unter Anweisung weib­lich­er Inspi­ra­tion. Für den Ehe­gat­ten bleibt in der Regel der Keller als Refugium, der von Frauen aus ver­schieden­sten Erwä­gun­gen merk­würdi­ger Weise nie in Betra­cht gezo­gen wird. 

Mrs. L neigt zudem zu infla­tionären Ren­ovierungswün­schen. Das verselb­ständigt sich ein­fach. Aus dem Grundgedanken ein­er neuen Farbe im Raum wird nach eini­gen Stun­den eine Kern­sanierung sämtlich­er, einem neuen Zweck zuführen­der Räum­lichkeit­en im Haus. 

Ein­halt geboten wer­den kann dem nur durch die drastis­che Schilderung notwendi­ger Repara­turen. Da ist zum Beispiel der undichte Balkon. 

Mrs. L insistierte ger­ade auf voll­ständi­ge Ren­ovierung des frei­w­er­den­den Zim­mers des Net­zkindes, als ich ihr mit den Worten: “Ich glaube der Balkon muss abgeris­sen wer­den“, in die Parade fuhr. 

Sichtlich unbeein­druckt erweist sich Mrs. L als schock­re­sistente Okku­pan­tin und säuselte mir ent­ge­gen: „Wenn Du schon dabei bist, kannst Du ja den Keller ren­ovieren, dann hast Du was ganz für Dich alleine.“