Nehmen sie die Schuld auf sich

Mrs. L und ich sind sowas wie Dinosaurier. In Zeiten von Ehen, die in der Regel nach sechs, sieben Jahren vorbei sind, sind Mrs. L und ich mit 25 Jahren Zweisamkeit geradezu aus der Zeit gefallen.

Das ist auch dem Freundeskreis des Netzkindes nicht entgangen, was die unausweichliche Frage nach dem Wie nach sich zog. Als ich gerade, mit väterlicher Mine von Verständnis und Vertrauen das gesamte Repertoire angelesener Fachzeitschriften wiederzugeben versuchte, unterbrach mich die besten Freundin vom Netzkind mit der schlichten Aufforderung:„ Jetzt mal ehrlich, wie schafft man das?“

Die Antwort ist ebenso trivial wie die Frage, jedenfalls für den Mann.

Zeigen sie sich für alle Eventualitäten, die im Zusammenhang mit einem Nicht Funktionieren im Haushalt verantwortlich – Nehmen sie alle – wirklich alle – Schuld auf sich.

Eignen sie sich eine Schlossermentalität an – Schlosser können alles reparieren. Wenn das Hausdach einstürzen sollte, lassen sie ihrer besseren Hälfte wissen, dass das kein Problem sei und sie das schon hinkriegen.

Vor allem aber: Seien sie sich bewusst, dass der Mann persönlich verantwortlich ist für alle Dysfunktionen von Geräten und Anlagen im und rund ums Haus. Streiten sie das nicht ab, sondern nehmen sie’s wie der Gott Prometheus, der ohne zu jammern an einen Felsen geschmiedet, die Rache des Zeus ertrug.

Kurz und gut, antworten sie auf jeden Vorwurf im Zusammenhang mit einer nicht mehr funktionierenden Sache und ihrer vermeintlichen persönlichen Schuld daran, dass das tatsächlich sein könnte, stecken sie den Stecker wieder in die Steckdose, trinken sich einen Kaffee und melden nach einer Stunde den Vollzug der erfolgreichen Reparatur.

Backwaren und anderes

Wenn die Tage kürzer werden, ist das für Mrs. L deutliches Zeichen ihre Backaktivitäten aufzunehmen. Gestartet wird meist mit Nussecken; beim Netzkind und bei mir findet Mrs. L regelmäßig dankbare Abnehmer. Allerdings: Die fertigen Nussecken sind weniger zum Verzehr, als zum Suchen gemacht.

Wie in jedem Jahr wird dem Netzkind und mir genau eine Nussecke für jeden zuteil, der Rest wandert offensichtlich in die tiefen Weiten auf unserem Dachboden; vielleicht vergräbt Mrs. L sie auch im Garten, wer weiß das schon?

Jedenfalls ist es alljährlich so, dass ich mich auf die Suche nach den Nussecken mache, wenn Mrs. L nicht im Haus ist.

Diese allseits erfolglose Suche beginnt auf dem Dachboden und endet meist im Keller. Das was ich dabei finde, hat wenig mit Nussecken zu tun, jedoch viel mit Dingen, die so gar nicht von mir vermisst worden sind und ich deshalb überrascht bin, die überhaupt noch in unserem Haushalt zu finden.

Genau wie die Nussecken – allerdings die vom letzten Jahr.

Zeugnisausgabe

Das jüngste Netzkind bringt ihr erstes Zeugnis nach Hause. Die Unterschiede zu einem Zeugnis der höheren Klassen liegen in der Art der Beurteilung. Nicht Noten werden vergeben; die Eltern werden in einer schriftlichen Beurteilung über die Fähigkeiten ihrer Kinder informiert. Als ihr Onkel bin ich natürlich neugierig, wo die Stärken des Netzkindes liegen. Auf meine Frage, wie das Zeugnis ausgefallen sei, bekomme ich die von ihr interpretierte Stellungnahme ihrer Lehrer in Kurzform: “Alles Einsen.“

Ich staune und gebe zu bedenken, dass eine Auslegung des durch die Lehrer erstellten Textes des Zeugnisses durch Übersetzung in eine Note nicht so ganz einfach wäre.

„Doch“, insistiert das Netzkind, „alles Einsen, hab’ ich doch gerade gesagt.“

Reparaturarbeiten

Mrs. L ist besorgt über den Zustand ihres Fahrrades. Die Reifen sind abgefahren und die Bremsen zeigen ebenfalls einen erheblichen Verschleiß. Reparieren ist angesagt. Das Wort löst in mir pawlow’sche Reflexe aus. Reparieren ist mein Ding!

Das sieht Mrs. L allerdings etwas anders. Mein Enthusiasmus ist deutlich ausgebremst. Ich werfe Mrs. L vor, mein außergewöhnliches Reparaturtalent nicht so zu würdigen, wie es den von mir erfolgreich durchgeführten Instandsetzungen gebührt.

Mrs. L merkt an, dass ihr nicht fehlendes Reparaturtalent Sorgen bereite, sondern mein grundsätzlicher Umgang mit dem konstruktiven Kern des instandzusetzenden Gerätes.

So sei, so Mrs. L weiter, es nicht unüblich, dass bei beendeter Reparatur ein paar Teile nicht an den Platz zurück gefunden hätten, wo sie ehedem hingehörten.

Mein ständiger Hinweis auf Konstruktionsfehler und der Annahme, dass die Teile schlichtweg überflüssig seien, mache die Sache nicht besser. Zwar würden sämtliche von mir reparierte Gegenstände durchaus funktionieren, aber es wäre ihr doch lieber, wenn die Teile im Nachhinein nicht Geräusche machen würden, die an rostige Schrauben in einem Fleischwolf erinnern.