Gruß von Sturmtief Burglind


Wenn ein Mann bäuch­lings auf dem Dach eines Ein­fam­i­lien­haus­es liegt und sich nicht rührt, liegt die Ver­mu­tung nahe, er sei aus dem Flugzeug gestürzt, ger­adewegs auf eben dieses solide Dach. Wenn dem nicht so ist, kann es natür­lich auch sein, dass der Mann forsch die Leit­er zum Dach hochgek­let­tert ist, um eben­da die Satel­liten­schüs­sel, die sich durch das Sturmtief Bur­glind in Stel­lung um 45 Grad gedreht hat, entsprechend in die TV und Radio kom­pat­i­ble Rich­tung zu drehen. 

Rauf auf das Dach ist selb­st für Ungeübte kein großes Prob­lem, mit dem richti­gen Schuh­w­erk ein­fach immer Rich­tung Dachfirst. Das Prob­lem ergibt sich dann, wenn der­selbe Weg, der raufge­führt hat, in umgekehrter Rich­tung wieder runter führen soll.
Ohne einen Halt bis zur Dachkante, um dann mit Schwung eine Drehung auf die an der Dachrinne angelegten Leit­er Fuß zu fassen, ist rein physikalisch – zumin­d­est nach mein­er Berech­nung – unmöglich.
Was bleibt, ist ein durch die Klei­dung und die Ober­flächenbeschaf­fen­heit der Dachziegel langsames und gezieltes Herabrutschen – bäuch­lings und unter der Koor­di­na­tion von Mrs. L, die auf­muntert von unten rief, dass wir zur Not immer noch die Feuer­wehr rufen könnten. 

Oh Tannenbaum

So ein Wei­h­nachts­baum bekommt in der Vor­wei­h­nacht­szeit mehr Beach­tung als ihm als Gehölz zuste­ht. Mrs. L. erwartet zudem beim jährlichen vor­wei­h­nachtlichen Tan­nen­baumer­werb, Ein­satzfreude und entsprechende Klei­dung. Ein­wände, die sich auf die beschränk­te Lebens­dauer der Tanne beziehen (die drei Tage!) wer­den nicht akzep­tiert, weniger noch beachtet. Um den Wei­h­nachts­frieden nicht noch nach­haltig zu gefährden, werfe ich mich in die Out­door Bek­lei­dung und bewaffne mich mit Säge und Beil. 

Braucht man nicht – der fre­undliche Tan­nen­baumverkäufer hat alles parat, was zum Erlegen nötig ist. Für den let­zten Ver­such des Hin­weis­es, ein schmaler Baum würde auf­grund der Har­monie der Geome­trie viel bess­er passen, erhalte ich eben­falls keine Zus­tim­mung, im Gegenteil. 

Das Auguren­lächeln des Tan­nen­baumverkäufers weist auf zahllose eben­falls ver­lorene Diskus­sio­nen inner­halb der Fam­i­lie hin, wenn auch mit Sicher­heit nicht in der Frage des Tannenbaumkaufs. 

Der Maulwurf

Zweifel­sohne hat der Maulwurf, der große Teile des heimis­chen Rasens annek­tiert hat erkan­nt, welche Fähigkeit­en er besitzt. Ent­ge­gen des Gedichts von Heinz Erhard und den Erdaushüben nach zu urteilen scheint er sich jedoch eher aus — als einzugraben

Es ist ja nicht so, dass es mein­er­seits keine große Tol­er­anz gegenüber eigentlich wild leben­den Tieren gibt, die im Win­ter die Nähe der Men­schen suchen; die Mäuse auf dem Dachbo­den sind mein Zeuge. 

Gast­fre­und­schaft sollte allerd­ings generell nicht über­stra­paziert wer­den. Eine allzu hohe Beein­träch­ti­gung der per­sön­lichen Frei­heit näm­lich, geht mein­er­seits ein­her mit rig­orosem Feldzug gegen den Okkupanten.

Maulwürfe fall­en meines Eracht­ens nicht unter das Kriegsvölk­er­recht, wohl aber unter den Arten­schutz. Die Ver­mu­tung liegt also nahe, Maulwürfe im All­ge­meinen und meinen Maulwurf im speziellen durch psy­chol­o­gis­che Kriegs­führung vertreiben zu dürfen. 

Allein – meinen Maulwurf ficht das nicht an.

Mit ungestümer Behar­rlichkeit wirft der Insek­ten­fress­er Erde aus, die ich bere­its ob der Menge zum Anle­gen neuer Beete nutzen konnte.

Ohne näher auf den näch­sten Ver­such der Lan­drück­führung einge­hen zu wollen, sei an der Stelle gesagt: Beim näch­sten Mal wird Schwarzpul­ver eine entschei­dende Rolle spielen. 

Renovierung

Bei Repara­turen bin ich kon­ser­v­a­tiv: Ein Handw­erk­er kommt mir nicht ins Haus, zumin­d­est solange nicht, wie es die Möglichkeit­en und meine gut aus­ges­tat­te Heimw­erk­er­w­erk­statt es hergeben, selb­st Hand an zu legen. 

Einen Handw­erk­er ins Haus holen, ist eine Demü­ti­gung. Zu meinem Ehrgeiz, alles sel­ber machen zu wollen, kommt noch der Spaß am Handw­erken, Schrauben und Repari­eren. Beim Repari­eren bleibt zwar immer etwas übrig, funk­tion­ieren tun die Dinge aber meist tadellos. 

Im Moment sind meine Fähigkeit­en als Fliesen­leger gefragt, Mrs. L möchte die Fliesen aus­suchen. Nach eini­gen Diskus­sio­nen mit dem Verkäufer dann die tak­tisch unkluge Frage von Mrs. L, ob man eine guten Fliesen­leger wisse, der die erwor­be­nen Fliesen ver­legen könne. 

Das schlug dem Fass den Boden aus und ich bemerk­te gegenüber dem Verkäufer sehr her­ablassend, dass das nicht nötig sei: Fliesen­le­gen sei eines mein­er leicht­esten Übun­gen. Mrs. L warf mir einen vor­wurfsvollen Blick zu, der mich daran erin­nern sollte, was der Elek­trik­er, den Mrs. L gegen mas­siv­en Wider­stand mein­er­seits ins Haus geschleppt hat­te, sein­erzeit anmerk­te. Er habe, hub der Elek­tro­fach­mann an, bere­its viel gese­hen, aber das bei ein­er der­ar­ti­gen Ver­legung zahlre­ich­er Steck­dosen der Strom nicht aus dem Wasser­hahn käme, wäre wohl nur glück­lichen Zufällen zu verdanken. 

Fliesen sind kein Strom und natür­lich bin ich gewil­lt, sie selb­st zu ver­legen. Der let­zte Ver­such mich umzus­tim­men, betraf die Riem­chen, die sel­ber aus den Fliesen zu schnei­den seien. Dies sei, so Mrs. L selb­st für Män­nern mit meinem handw­erk­lichen Geschick nicht so einfach. 

Guter Ver­such, aber Fliese bleibt Fliese, auch wenn sie Riem­chen heißt. Und über­haupt – sollte ich vor etwas kapit­ulieren, das im Sprachge­brauch nichts anderes als die Verniedlichungs­form ein­er Teil­fliese ist? 

Schützenfest

Das Net­zkind ver­sucht ihre Cou­sine via what­sapp zum Schützen­fest­früh­schop­pen zu animieren.

Netzkind: Möchte jemand morgen mit zum Frühschoppen?

Cousine: Wieso frühschoppen? Ist doch Schützenfest, da gibt's doch gar nichts zu kaufen

Netzkind: Frühschoppen heißt morgens Bier trinken

Cousine: Ach so, der Ausdruck war mir fremd

Die Laus

Bild unter CC BY-NC von: Clau­dio Grat­ton, Uni­ver­si­ty of Wisconsin

Aus mein­er Sicht gibt es in der Natur völ­lig über­flüs­sige Gat­tun­gen und wenn sie dann noch am falschen Ort sind, möchte man “über­flüs­sig” zum Superla­tiv steigern. Allein — eine Steigerungs­form gibt es nicht.

Mück­en im Schlafz­im­mer, Fliegen im Bier­schaum sind gängige Meta­phern zu „über­flüs­sig.“ Läuse an Pflanzen fällt mir momen­tan noch ein, da der akute Zus­tand — also die Laus, nicht der Zus­tand, derzeit unsere Lupinen bewohnt.

Myr­i­aden von Läusen dez­imieren die wirk­lich schöne Ansamm­lung bunter Lupinen im Garten. 

Das sieht nicht nur unschön aus, son­dern lässt nach getanem Werk hin­gerichtete Pflanzen zurück, die nicht so ausse­hen, als wür­den sie sich jemals wieder erholen. 

Beim rig­orosen Vor­drin­gen in den durch die gemeine Blat­t­laus annek­tierten Garten­ab­schnitt schließlich, ste­he ich in ein­er Wolke aufgescheuchter pflanzen­saugen­der Insekten. 

Ich kann nur hof­fen, dass ich die biol­o­gis­che Unterord­nung der Gat­tung Schn­abelk­erfe nicht absorbiert habe – dann käme dem Sprich­wort: „Laus über die Leber“ gelaufen näm­lich eine ganz neue Bedeu­tung zu. 

Muttertag

Heute ist Mut­tertag. Den Fam­i­li­en­nach­wuchs ficht das nicht an, auch ich werde vom jüng­sten Net­zkind mit einem Geschenk bedacht. Genauer – mit einem Bild, selb­st gemalt, ver­ste­ht sich. Das Bild kann ich nicht iden­ti­fizieren, ich würde aber ver­muten, es entspricht exakt der Phan­tasie der Drei­jähri­gen, mich inmit­ten Luz­ifers Schreck­enswelt auszusetzen. 

Das jüng­ste Net­zkind und ich haben eine ganz beson­dere Art der Zunei­gung; wenn sie bei uns ist, beißt sie mir ins Knie. Ich ver­mute in der archais­chen Begrüßungsweise eine ganz beson­dere Sym­pa­thie und kneife ihr, wenn kein­er guckt, als eine mein­er­seits darge­brachte Freude ihres Besuchs in die Wange, was sofort mit laut­starkem und deut­lichen Miss­fall­en beant­wortet wird. 

Im Laufe so eines Besuchs sind weit­ere her­zliche Rit­uale möglich, wobei ich sämtliche dazu benutzbaren Gegen­stände bere­its in den Keller geräumt habe. Nicht das ich glaube, das jüng­ste Net­zkind wäre mir gegenüber zu rabi­at­en Angrif­f­en mit bspw. Werkzeu­gen fähig, allerd­ings ist ein zweck­ent­fremde­ter 32 Maulschlüs­sel, der für die CO2-Anlage meines Aquar­i­ums gedacht ist, die Ver­suchung nicht wert und meine Kni­escheibe wird mir die Präven­tion des Wegräu­mens sicher­lich danken. 

Ich bin ja sowieso der Ansicht, mit ein­er Einkehr der Fam­i­lie an Wei­h­nacht­en und Ostern bei uns, wäre der famil­iären Besuch­spflicht Genüge getan, aber selb­st die Argu­men­ta­tion ein­er par­al­lel zur besuch­sar­men Zeit ansteigen­den Freude des Wieder­se­hens find­et kein Gehör. Ist eben nicht mein Tag heute – aber ich bin ja auch keine Mutter. 

Wartungsintensiv

Ab einem gewis­sen Alter machen Ärzte ein­fach nur noch schlechte Laune. Der Internist genau­so wie der Zah­narzt. Ins­beson­dere let­zter­er neigt während der pro­phy­lak­tis­chen Behand­lung seit einiger Zeit dazu, den Kopf zu wiegen und Sachen zu sagen wie: “Oh, oh. Das ist nicht schön.” 

Die schlechte Laune wird nicht bess­er, auch wenn sich die aus post­trau­ma­tis­chen Bedin­gun­gen zusam­men­phan­tasierte Zah­narzt­prax­is langsam vor dem geisti­gen Auge vom Hor­rork­abi­nett in eine nor­male Zah­narzt­prax­is wandelt. 

Nicht, dass ich falsch ver­standen werde; mein Zah­narzt ist der netteste Zah­narzt weit und bre­it und auch sein Team ist über­aus zuvorkommend. 

Allerd­ings – beim Betreten ein­er ster­ilen Umge­bung mit chromblitzen­den Werkzeu­gen geht meine Phan­tasie mit mir durch und die net­ten Arzthelferin­nen ver­wan­deln sich neb­st ihrem Chef in blutrün­stige Furien aus einem schlecht­en Horrorfilm. 

Und dann – Auftritt Dr. Jekyll, meta­mor­phosiert in Gestalt des Mr. Edward Hyde set­zt er als der­selbe mit ein­er riesi­gen Chromzange und etwas das aussieht wie eine met­all­blitzende Sense an, um mir, begleit­et durch hässliche Geräusche, paar Zähne aus dem Oberkiefer zu brechen. 

Die Real­ität: Mit ein­er Zahn­sonde begutachtet mein über­aus fre­undlich­er Zah­narzt mein Gebiss und bemerkt eben­so fre­undlich wie bes­timmt, dass die Zah­npflege in meinem Alter inten­siviert wer­den müsse; was schlichtweg heißt: Zweimal im Jahr auf dem Folter­stuhl Platz zu nehmen. 

Nützliches Erbe

Der Kumpel erzählt von einem ganz beson­deren Geschenk für seinen ger­ade volljährig gewor­de­nen Sohn. 

Er habe ihm am Geburt­stag in seinen Hob­byraum geschleppt. Der Hob­byraum ist eine ein­gerichtete Werk­statt mit einem Sam­mel­suri­um von Motor­rädern in Teilen. 

Dem erstaunten Sprössling grat­ulierte er dann mit den Worten:“ Her­zlichen Glück­wun­sch zum Geburt­stag, Du bist nun stolz­er Besitzer ein­er Hon­da Boldor, musst Dir nur noch die passenden Teile suchen und zusammenschrauben.“

Nach zwei drei Anläufen gab der Junge mit dem Hin­weise auf, das näch­ste Mal sollte es vielle­icht ein Geschenk in Rich­tung PC-Hard­ware sein, da kenne er sich aus. 

Vor etwa dreißig Jahren, über­re­ichte mir über­raschen­der Weise der Groß­vater ein­er Bekan­nten mehrere Zigar­renkisten, in denen er fein säu­ber­lich, im Innern mit Sper­rholz­plättchen abge­tren­nt, die Schrauben auf­be­wahrte, die ihm offen­sichtlich im Laufe des Lebens in die Fin­ger gekom­men waren. 

Meine Hochachtung galt der Akri­bie der Sam­mellei­den­schaft und der Menge ger­auchter Zigar­ren gleichermaßen.

Gestern dann der Lohn für jahrzehn­te­langer Auf­be­wahrung der zweck­ent­fremde­ten Kästchen: Eine drin­gend benötigte Spezialschraube, wed­er im Bau­markt noch son­st wo zu bekom­men, fand sich in Zigar­renkiste Num­mer Zwei.

Alte Autos

Noch vor zwanzig Jahren war eines unum­stößlich: Das Auto mit dem Stern hat­te ein Min­desthalt­barkeits­da­tum, das der Dauer des Dreißigjähri­gen Krieges gle­ich kam. Meine Berech­nun­gen jeden­falls, mit einem alten Daim­ler so kostengün­stig wie möglich mobil unter­wegs zu sein, gin­gen bish­er immer auf. 

Die auto­mo­bile Rech­nung mit Hil­fe eines Benz hieß: zehn Jahre alt — Brem­sen neu gemacht — neue Reifen drauf und schon lief die Kiste die näch­sten acht Jahre ohne großes Mur­ren. Danach gab’s noch 3000 Mark Rest­wert und man hat­te ein Auto mit einem Wertver­lust von nicht mal 1000 Mark jährlich gefahren. 

Die Zeit­en der Unka­put­tbarkeit sind vor­bei – die Berech­nun­gen funk­tion­ieren nicht nur nicht – die Umset­zung mein­er jahre­lan­gen Strate­gie ist heute schlichtweg der schnell­ste Weg in den finanziellen Ruin. 

„Viele Autos wer­den mit Halt­barkeit nicht länger als acht Jahre gebaut, da macht der mit dem Stern keine Aus­nahme. Die sind so teuer, die kauft kein­er mehr als Neuwa­gen, wer­den nur noch geleast und nach vier Jahren wieder abgegeben “, klärt mich mein Auto­mechaniker auf, mit dem ich inzwis­chen ob der vie­len Besuche per Du bin. 

Ein Geschäftsmod­ell, das die Ware so teuer macht, dass sie unbezahlbar wird, deshalb nur noch gemietet wird und da sie nur ein paar Jahre gemietet wird, mit ein­er Lebens­dauer von weni­gen Jahren? Klingt nach ein­er Geld­druck­mas­chine und ist es wohl auch. Ähn­lich­es kan­nte ich bish­er nur von Soft­ware, respek­tive von Photoshop.

Für mein Bud­get bleibt also nur die Suche nach einem neuen Mod­ell der preiswerten Mobil­ität, ohne einen Kle­inst­wa­gen fahren zu müssen. 

Der Lada Niva kommt dem ziem­lich nah. Die Tech­nikredak­teure, die den Lada gefahren sind, schreiben allerd­ings von „viel Humor mit­brin­gen“ und ein Leer­lauf, der sich anhört, „als würde der Lada Niva mit ros­ti­gen Schrauben gurgeln.“

Der Ben­z­in­ver­brauch ver­läuft diame­tral zur Motor­leis­tung; tat­säch­lich scheint die Nutzung des 70er Jahre Fos­sils auf das nach Hause brin­gen erlegter Elche in der Taiga beschränkt. 

Immer­hin, hin­sichtlich dieser Bes­tim­mung lässt sich das Auto offen­sichtlich auch von innen mit einem Dampf­s­trahler reini­gen, was meinem per­sön­lichen Prag­ma­tismus dur­chaus nahe kommt. 

Ein wenig Zeit bleibt mir vielle­icht: mein Auto hat ger­ade die Werk­statt ver­lassen. Die Aufzäh­lung der notwendi­gen Repara­turen auf der Rech­nung erstreck­te sich über vier Seiten.