Zwiebelohr

Dem Net­zkind zieht’s im Ohr, krankheits­be­d­ingt. Mrs. L bastelt Zwiebel­säckchen zur Lin­derung des schmerzhaften Gehör­gangs. Mein Hin­weis auf Kon­sul­ta­tion durch den Arzt find­et Zus­tim­mung. Vor Besuch des Fach­manns möchte das Net­zkind let­zte Zweifel aus dem Weg geräumt haben und schreibt via Whatsapp:

Netzkind: Wie lange muss Du heute arbeiten?

Ich: Bin ca 15.40 Uhr zu Hause, warum?

Net­zkind: Ok, gut. Du musst über­prüfen, ob ich immer noch nach Ziebeln stinke, bevor ich zur Krämer gehe. Ich rieche abso­lut nix.

Ich: Dr. Krämer ist Men­schlich­es nicht fremd, sieh zu, dass Du da gle­ich hingehst.

Net­zkind: Zwiebel­geruch ist nicht men­schlich, son­dern Gemüse. Die machen erst wieder um 16.00 Uhr auf.

Bienen husten nicht

Das Net­zkind hat’s erwis­cht. Erkäl­tung und ein Hus­ten, der einem Schwind­süchti­gen zu Ehren gere­icht. Die bessere Hälfte verord­net alter­na­tive Medi­zin in Form von Globuli. 

Der­ar­tiges wider­strebt mir alleine schon deshalb, weil ich nicht glauben kann, dass ein Wirk­stoff, der einem Wirk­stofftropfen im Mit­telmeer entspricht, wirk­lich helfen soll. 

Ich schleppe Zinkpräper­ate und Vit­a­min C an, sozusagen als Krücke für das geplagte Immunsystem.

Let­z­tendlich überzeugt Mrs. L mit Propo­lis-Kapseln. Propo­lis, so lese ich, ist eine von Bienen hergestellte harzar­tige Masse mit antibi­o­tis­ch­er, antivi­raler und antimyko­tis­ch­er Wirkung. 

Kann also nicht so schlecht sein. Zumal ich von erkäl­teten Bienen noch nie gehört hatte. 

Das Net­zkind verortet Propo­lis rein zur äußeren Anwen­dung:“ Propo­lis wurde im alten Ägypten bei der Ein­bal­samierung von Mumien ver­wen­det“, belehrt sie Mrs. L und mich googleschlau. 

Hanoi in Berlin

Ein­gang zum Dong Xuang Markt in Berlin

Der Zugang zur asi­atis­chen Welt ver­birgt sich in ein­er Lager­halle hin­ter einem Plas­tikvorhang. Seit 2006 befind­et sich auf frei geräumten Flächen auf dem ehe­ma­li­gen Gelände der VEB Elek­trokohle Licht­en­berg das asi­atis­che Handels‑, Geschäfts- und Einkauf­szen­trum Dong Xuan Cen­ter.

Gut ver­steckt hin­ter Back­stein­ruinen, auf 160.000 Quadrat­meter erstreckt sich eine eigene asi­atis­che Welt. Wer durch das Por­tal kommt und die erste Lager­halle betritt, Con­tin­ue read­ing

Große Klappe

In der Bun­desre­pub­lik gibt es ca. 45 Mio. zuge­lassene Autos. Ein Großteil davon dürften Kom­bis sein. Wiederum ein Großteil ältere Bau­jahre, die exakt der Marke, der Farbe und dem Ausse­hen meines Autos entsprechen. 

Ausse­hen ist dabei rel­a­tiv, ich jeden­falls sehe kaum noch Unter­schiede in Form­sprache und Design, was ins­beson­dere die Find­barkeit auf Park­plätzen zuweilen beeinträchtigt. 

Let­z­tendlich hil­ft der Funkschlüs­sel bei der Suche; das Auto was nach Drück­en des Funkschlüs­sels aufge­ht, ist auch meist das meine.
Am Fre­itag jeden­falls ste­he ich vor der Heck­klappe [m]eines Kom­bis und ver­suche mit immer zunehmend hek­tis­chen Öff­nungsver­suchen, das Schloss zur Auf­gabe des sper­ri­gen Ver­hal­tens zu bewegen. 

Nach ca. drei Minuten ergeb­nis­losen Drück­ens des Funkschlüs­sels bei gle­ichzeit­ig beherztem Reißen an der Heck­klappe und wieder­holtem Fluchen über die „Dreck­skarre“, höre ich links hin­ter mir den Satz:“ Wenn die Heck­klappe nicht aufge­ht, hat das dur­chaus seine Berech­ti­gung, das ist näm­lich mein Auto.“ 

Das Hermes Prinzip

Der Mann an der Haustür sah ein biss­chen abgeris­sen aus. Ich zweifelte kurz, dass es sich um den Paket­fahrer han­delte, den ich nach eini­gen erfol­glosen Zustel­lver­suchen erwartete. 

Allein – das schmud­delige Leibchen, das er über dem Hemd trug, wies ihn als Her­mes Paket­di­en­st­fahrer aus.

Der Groll war beim bemitlei­denswerten Äußeren des Boten ver­flo­gen. Im gebroch­enen Deutsch erk­lärte mir der Mann seine Schwierigkeit­en beim Zustellen des Pakets. Das alles hat­te ich bere­its gehört; der Online-Händler hat­te meine Beschw­erde direkt an den Paket­di­en­stleis­ter weit­er gegeben. 

Mit dem Hin­weis, dass Karten­zahlung lei­der nicht möglich sei, tat sich allerd­ings eine neue Best­marke auf der Unaus­geglichen­heitsskala auf. Pampig antwortete ich, dass ich dann ja wohl meine let­zten Reser­ven zusam­menkratzen müsse, um die Liefer­ung zu bezahlen. 

Der Mann murmelte so etwas wie:“ is‘ nett, son­st ich keine Geld“, oder ähnliches. 

Wenn man Google anklickt und nach “Erfahrun­gen mit Her­mes” sucht, wirft die Such­mas­chine die aben­teuer­lich­sten Geschicht­en aus. 

Von Sub­un­ternehmen, die wiederum Sub­un­ternehmen beauf­tra­gen ist da die Rede. Von 12 Stun­den Schicht­en an 6 Tagen die Woche und von umgerech­net Stun­den­löh­nen um die vier Euro. 

Ich lasse mir also etwas liefern, dessen Ver­sand­kosten in etwa dem des Stun­den­lohns eines Paket­zulief­er­er bei Her­mes entspricht. 

Der Name Her­mes kommt aus der griechis­chen Mytholo­gie: Her­mes verkün­dete als Göt­ter­bote die Beschlüsse des Zeus — neben­bei war er der Schutz­gott der Diebe. 

EM

Die Europameis­ter­schaft läuft und mit jedem Deutsch­land-Spiel wach­sen Mil­lio­nen neue Bun­de­strain­er mit soviel Sachver­stand her­an, die Bun­desre­pub­lik fürder­hin zum Europameis­ter zu machen. 

Der Fre­un­deskreis bildet da keine Aus­nahme. Im Gegen­teil, alles was dort zum The­ma Fußball gesagt wird, dürfte repräsen­ta­tiv sein für die gesamte fußball­begeis­terte männliche Ein­wohn­er­schaft der Bundesrepublik. 

Die Ein­schätzung der­er, die sich offen­sichtlich zutrauen, Jogi Löws Job zu machen, ist abhängig von zwei Fak­toren: erstens näm­lich dem Fortschre­it­en der EM und zweit­ens der Tat­sache, in Wirk­lichkeit über­haupt keine Ahnung von Fußball zu haben, nicht mal ansatzweise, jeden­falls soweit ich das beurteilen kann. 

Und ja, ich gehöre auch zu denen, denen Fußball rel­a­tiv egal ist und die in sofern mit Experten­wis­sen vor­sichtig sein soll­ten. Da sich aber nun­mal fast alle Unter­hal­tun­gen derzeit um Fußball drehen, bleibt es nicht aus, dass das ein oder andere Gehörte hän­gen bleibt. 

Die Chance will genutzt wer­den und so kann selb­st der Ahnungslos­es­te mit einem Pla­giat rhetorisch­er Fußbal­lkom­pe­tenz glänzen. 

Mit dem Satz:“ Ist doch kein richtiger Fußball mehr heutzu­tage, diese 4–4‑2 Tak­tik ohne Libero ist besser­er Stand­fußball, mehr nicht“, ist man jeden­falls min­destens unter Kumpels für den Job des Bun­de­strain­ers qualifiziert. 

50

Die Zahl eines run­den Geburt­stag lässt sich ganz gut an der Anzahl der Grat­u­lanten erken­nen. Je älter desto mehr — soweit vorhan­den. Irgend­wann kehrt sich das Ver­hält­nis natür­lich um, aber nur für die, die richtig alt werden. 

Obschon alt die Def­i­n­i­tion für Men­schen ist, die beispiel­sweise dazu neigen, Singvögel obses­siv auch im Som­mer zu füttern.

Erstes ist math­e­ma­tisch wohl eine Para­bel, zweites ist wahr.

Aber hey, Singvögel wer­den keine fün­fzig Jahre alt – die kurze Zeit die sie leben, sollen sie wenig­stens mit vollem Magen verbringen. 

Jeden­falls — die 50 haben wir schon mal. 

Smombies

Die Beobach­tung des Straßen­verkehrs, respek­tive das Beobacht­en von Verkehrsteil­nehmern mit Handys im Straßen­verkehr, lässt auf Dauer die Frage nach verun­fall­ten Per­so­n­en ob der inten­siv­en Nutzung ihrer Smart­phone zu. 

Lei­der gibt es dazu offen­sichtlich keine Sta­tis­tik und alleine mit der Suchan­frage ist Google erkennbar über­fordert. Men­schen die auf Handys star­ren jeden­falls brachte nur all­ge­mein gültige Aus­sagen und eben jede Menge Bilder von Men­schen die auf Handys starren. 

Nein, was ich wollte war eine Art Sta­tis­tik der Anzahl Men­schen, die bere­its einen Unfall im Straßen­verkehr hat­ten, weil sie ob der konzen­tri­erten Nutzung ihrer Smart­phone unkonzen­tri­ert am Straßen­verkehr teilgenom­men hatten. 

Oft scheit­ert eine Suchan­frage bei Google an den eingegebe­nen Such­be­grif­f­en – Google ist schließlich [noch] keine Antwort­mas­chine, so dass ein präg­nan­ter Such­be­griff meis­tens eher zu dem gewün­scht­en Ergeb­nis führt. 

Nur, wie heißen Men­schen, die auf ihr Handy star­ren, während sie sich im Straßen­verkehr bewe­gen? Immer­hin, zu der Frage wurde ich fündig. Smom­bies sind Men­schen, die wie geban­nt mit dem Handy star­ren und von der Umwelt nichts mehr mit­bekom­men. War sog­ar Jugend­wort des let­zten Jahres. 

Zu Tod durch Self­ie spuckt Google übri­gens mehr Ergeb­nisse aus, was denkbar an der teil­weise spek­takulären Art des Ablebens liegen kann. Wer beim Self­ie mit einem Bären umkommt, hat große Chan­cen min­destens für den Dar­win Award nominiert zu werden. 

Bezüglich der Self­ie­manie inter­pretierte ich mal das Ver­hal­ten ein­er jun­gen Frau völ­lig zu Unrecht als gesteigerten Narziss­mus. Die saß neben mir schoss alle fünf Minuten ein Selfie. 

Auf meine Bemerkung, dass sie sich offen­sichtlich sehr gerne auf einem Foto sehe, antwortete sie:“ Quatsch, ich habe gle­ich einen wichti­gen Ter­min und kon­trol­liere so mein Make-Up.“

Plätzchenzeit

Dezem­ber ist Plätzchen­zeit. Das ist zumin­d­est in unserem Haushalt unum­stößlich, sozusagen ein Naturgesetz. 

Jedes Jahr Anfang Dezem­ber wer­den bei uns in der Küche bade­wan­nen­große Teigk­lumpen durch die Wei­h­nacht­splätzchen­mas­chine gequält, um als Spritzge­bäck auf dem Back­blech und ihrer und der Bes­tim­mung des Back­blechs fol­gend, im Ofen zu landen. 

Im Anschluss wan­dern dann gefühlte hun­dert­tausend Stücke in Keks­dosen auf den Dachbo­den, wo sie vor gieri­gen Fin­gern ver­steckt ihr Dasein bis Wei­h­nacht­en wahren sollen. 

Nicht mit mir, ich habe mir über die Jahre akribis­chen Suchens ein intu­itives Gespür für das Suchen und Find­en von Wei­h­nacht­splätzchen antrainiert. Dachte ich — ist aber falsch gedacht. Nach­dem ich auch in diesem Jahr sämtliche Schachteln auf dem Dachbo­den geöffnet hat­te, mögliche geheime Ver­stecke gedanklich auf die vor meinem Zugriff ent­zo­gene Eig­nung durchge­gan­gen war gab ich auf. 

Und warte auf den über­rascht­en Aus­ruf vom Dachbo­den, meis­tens so um Pfin­g­sten: „Ach guck, hier sind ja noch Plätzchen von Wei­h­nacht­en, die haben wir ganz vergessen.“