Warnung aus dem weißen Haus

Wenn ein hochrangiger Regierungsmi­tar­beit­er ein Buch veröf­fentlicht, in dem er seinen Chef als unfähi­gen Trot­tel beschreibt, gibt es ver­schiedene Motive die ihn dazu brin­gen kön­nten. Wobei Vergel­tung das nahe­liegend­ste ist. Der unbekan­nte Schreiber gib an, sich um das eigene Land zu sor­gen, das ein ver­meintlich­er Narr regiert. 

„A Warn­ing“, War­nung aus dem weißen Haus heißt das Enthül­lungs­buch des Mitar­beit­ers. Wer es gele­sen hat, der kann nicht glauben, dass jemals ein unfähiger­er Men­sch als der jet­zige Präsi­dent die USA regiert hat. Der anonyme Autor lässt kein gutes Haar an Don­ald Trump. Er sei feige, dumm, faul und rach­süchtig. Zudem zeige der 45. Präsi­dent der Vere­inigten Staat­en zunehmend Anze­ichen geistiger Ver­wirrung. “Er stot­tert, lallt, ist ver­wirrt, reizbar und hat Prob­leme, Infor­ma­tio­nen zu ver­ar­beit­en”. Auch vergesse Trump oft, “was er gesagt hat oder was ihm gesagt wurde”.

Pein­lichkeit­en seinen ihm nicht fremd und so ver­gle­icht Anony­mus den mächtig­sten Mann der Welt als “betagten Onkel, der ohne Hose über den Hof des Alter­sheims ren­nt und laut übers Kan­tine­nessen flucht.”

Der Präsi­dent lehne den Rechtsstaat mit der in der USA-Ver­fas­sung ver­ankerten Gewal­tenteilung strikt ab, was dazu führt, dass Trump Befehle erteilt, die geset­zeswidrig sind. Er tue das aus Man­gel an Intellekt, Trumps „intellek­tuelle Faul­heit“ sei erschreckend. 

Zudem sei er abso­lut beratungsre­sistent, so habe Trump bere­its 2016 auf die Frage mit wem er sich zur Außen­poli­tik berate, geant­wortet: “Ich rede mit mir selb­st, Num­mer Eins, denn ich bin sehr intel­li­gent und habe viele Dinge gesagt. Mein wichtig­ster Berater bin ich selb­st, und wis­sen Sie, ich habe einen guten Instinkt für dieses Zeug.” 

Die vom Berater­stab aus­führlich zusam­menge­tra­ge­nen Infor­ma­tio­nen lese Trump allein schon deshalb nicht, weil er sie nicht verstehe. 

Trump sei eine Gefahr für die Nation, er sei wie „ein Zwölfjähriger in einem Flugsicherungsturm, der wahl­los Knöpfe der Regierung drückt, gle­ichgültig gegenüber Flugzeu­gen, die von der Lan­de­bahn abkom­men und den Flugzeu­gen, die verzweifelt ver­suchen, umzulenken.“

Auch wenn es gute Gründe für die Anonymität des Autors gibt: Wer anonym anklagt beg­ibt sich immer in Gefahr die Per­spek­tive nach eigen­er Gefühlslage anzu­passen, beweisen muss man als anonymer Schreiber nichts. Und auch wenn viel bere­its z.b. über Trumps charak­ter­liche Defizite bekan­nt ist, so kön­nten die jüng­sten Ereignisse, die gezielte Tötung des iranis­chen Gen­er­als Soleimani, das Buch und auch das laufende Amt­sen­the­bungsver­fahren vergessen lassen und Trump das bescheren, was der Autor in Sorge um die Nation antreibt: Eine zweite Amt­szeit des Don­ald Trump im Herb­st dieses Jahres. 

Sebastian Fitzek — Der Insasse

Die Büch­er von Sebas­t­ian Fitzek mag man oder man mag sie nicht. Seine drastis­chen Schilderun­gen von Gewal­texzessen sind nicht’s für zart besaitete Leser. Allerd­ings lesen die auch weniger Psy­chothriller. Auch das neue Buch Fitzeks spart nicht mit der­lei Beschrei­bun­gen, die Essenz holt das Buch allerd­ings aus der Per­spek­tive des Schiz­o­phre­nen, min­destens aber die Vorstel­lung davon; die Unmöglichkeit in ein­er psy­chi­a­trischen Anstalt zwis­chen Nor­mal­ität und Wahnsinn zu unter­schei­den. Fitzeks Buch „Der Insasse“ han­delt von einem verzweifel­ten Vater, dessen Sohn ver­schwun­den ist und dessen mut­maßlich­er Täter im Hochsicher­heit­strakt ein­er Psy­chi­a­trie sitzt. Der einzige Weg, um die Wahrheit um das Ver­schwinden des kleinen Max Berk­hoff zu erfahren, sieht der Vater darin, selb­st Insasse der Psy­chi­a­trie zu wer­den, um an den Täter zu kommen. 

Auch in diesem Buch schafft es der Autor, den Leser nicht nur zu fes­seln, son­dern ihn mit auf den Weg zu nehmen. Den Weg zwis­chen Schein und Wahn. Pack­end wie alle Psy­chothriller von Sebas­t­ian Fitzek. 

Sebastian Fitzek — Das Paket

Ein Thriller zeich­net sich dadurch aus, dass er die Span­nung auf­baut, die sich möglichst bis zur let­zten Seite fort­set­zt. Wenn das Buch mich nicht auf den ersten Seit­en fes­selt, wan­dert es bei mir unge­le­sen ins Bücher­re­gal bzw. in die Kindle­cloud zurück. Nicht so bei Seba­t­ian Fitzeks Thriller „Das Paket“. Bere­its auf den ersten Seit­en schafft er es, die Span­nung aufzubauen und zu halten. 

Fitzek ori­en­tiert sich an King, geht aber seinen eige­nen Weg. Während King Phan­tasien Real­ität wer­den lässt, ori­en­tiert sich Sebas­t­ian Fitzek an tat­säch­lichen Möglichkeiten. 

Bei­de Schrift­steller führen den Leser in men­schliche Abgründe, die span­nend genug sind, das Buch nicht aus der Hand zu legen. 

Der Autor spielt mit Fik­tio­nen, mit der Phan­tasie sein­er Pro­tag­o­nis­ten – was ist wahr und was ist erfun­den? Sind sie vielle­icht ver­rückt? Immer dann, wenn der Leser meint dem Autor auf die zu Schliche gekom­men zu sein, wan­delt sich die Geschichte, die Span­nung nimmt eine andere Rich­tung. Sebas­t­ian Fitzek schafft es, den Leser mitzunehmen und dabei – das ist die große Kun­st – stim­mig ein Bild zu schaf­fen, dass dem Leser der­art plas­tisch vor Augen geführt wird, das sich die Frage nach der Möglichkeit der­ar­tig psy­chis­ch­er Beein­träch­ti­gun­gen der Haupt­per­so­n­en in den Thrillern von Fitzek nicht mehr stellt. Alle scheint möglich; eben­so wie alle Erk­lärun­gen für die spek­takulären Vorkommnisse. 

Zum Inhalt:
Die junge Psychiaterin Emma Stein, die nach einer Vergewaltigung völlig paranoid ist und das Haus nicht mehr verlässt, wird von ihrem Postboten gebeten, ein Paket für einen ihr unbekannten Nachbarn anzunehmen. Während sie, nervlich am Ende, auf das Erscheinen des Nachbarn wartet, geschehen im Haus merkwürdige Dinge.

Abgründig span­nend.

Verena Lugert – Die Irren mit dem Messer

Eis­erne Diszi­plin, schmerzfrei sein, Befehle in ein­er stren­gen Hier­ar­chie befol­gen und das bei 16-Stun­den Schicht­en und kargem Lohn.
Nein, wir sprechen hier nicht von der Frem­den­le­gion, wir sprechen von ein­er Elite, die zwar ähn­lich mil­itärisch organ­isiert sind, aber statt Fleck­tar­nung in der Regel weiße Uni­for­men tra­gen. Köche in der Spitzengastronomie. 

Ver­e­na Lugert ist Jour­nal­istin und das ziem­lich erfol­gre­ich. Trotz­dem entschließt sie sich noch im Alter von 39 Jahren eine Aus­bil­dung an der leg­endären Kochschule Le Cor­don Bleu in Lon­don zur Köchin zu absolvieren. Bere­its die Aus­bil­dung ist hart: Die Lern­in­halte wer­den den Azu­bis geballt im Akko­rd einget­richtert. The­o­rie und Prax­is gehen fast naht­los ineinan­der über. 

Was dann als Com­mis de Cui­sine, [Jungkoch] auf sie zukommt, ist für den „Nor­mal­beru­fler“ schlichtweg nicht mehr nachvol­lziehbar. Lugert heuert als Jungköchin in ein­er Küche des berühmt berüchtigten Sterne Kochs Gor­don Ram­say an und erlebt die Spitzen­gas­tronomie, als dop­pelt so alte Kol­le­gin, von der Pike auf, mit allen Tiefen und Höhen. 

Die unglaublichen Arbeit­szeit­en, der Stress, die Hitze, wüste Beschimp­fun­gen und ein küm­mer­lich­es Gehalt, keine Armee mutet seinen Sol­dat­en das zu, was in ein­er Küche der Spitzen­gas­tronomie als nor­mal ange­se­hen wird. 

Auf die Frage wie der Spargel ob der Kochfes­tigkeit geprüft wird, kommt die lakonis­che Antwort:“ Mit den Fin­gern im Topf, Bitch.“ Heiß? Öl hat 180°, das ist heiß. 

Köche definieren sich als Ein­heit, als Elite in ein­er Welt, die im Nor­mal­fall nie­mand zu sehen bekommt. 16 Stun­den Schicht­en sind nor­mal, sechs Tage die Woche. 

Wer das nicht durch­hält und länger krank wird, der kündigt – ver­schämt und mit Hin­weis auf eine Dauer­erkrankung. Melde dich niemals krank, heißt eine eis­erne Regel. 

Der deutsche Sterne Koch Tim Raue hat sich ein­mal, als er schw­er krank war, am Herd fest­ge­bun­den, um nicht wegzukip­pen. Ver­e­na Lugert sel­ber hat eine Zeit lang in unge­sun­der Menge Codeintablet­ten zu sich genom­men, um die zunehmenden Rück­en­schmerzen zu ertra­gen. Wer die Regeln ver­let­zt, ist von der Gemein­schaft ausgeschlossen. 

Die Zubere­itung von Speisen nimmt im Buch großen Platz ein, das tut der Span­nung keinen Abbruch – im Gegen­teil, das Buch lässt auch dem küche­nuner­fahre­nen Leser das warum verstehen. 

J.D. Vance — Hillbilly Elegy

Wenn man im Netz auf J.D. Vance stößt, wird man nicht unbe­d­ingt annehmen, dass der Jurist und Autor aus der weißen Unter­schicht der USA stammt. 

Hill­bil­ly Ele­gy heißt sein Buch, das dem Leser einen sel­te­nen Ein­blick in das Leben der­er ges­tat­tet, die am Rand der Gesellschaft stehen.

1Hill­billys nen­nen sich die Bewohn­er der ländlich gebir­gi­gen Gegen­den in den USA. Über­ge­siedelt in die Indus­tri­estädte träumten sie den amerikanis­chen Traum, der für viele gen­er­a­tionsüber­greifend in Armut und Arbeit­slosigkeit endete. Vance erzählt die Geschichte der weißen Unter­schicht — sein­er Geschichte. 

Die Armut, die Gewalt, ständig wech­sel­nde Män­ner­bekan­ntschaften der Mut­ter, Opi­oide und Alko­hol ist die Par­ti­tur, aus dem seine Biogra­phie geschrieben ist.
J.D. Vance wird in Mid­dle­town Ohio geboren. Zu der Zeit begann bere­its der Nieder­gang der Stadt. Der größte Arbeit­ge­ber, das ansäs­sige Stahlw­erk, entließ Arbeit­er, die Arbeit­slosigkeit stieg enorm. 

Hier begin­nt der Werde­gang von J.D. Vance. Der Junge aus der weißen Unter­schicht, der mit ein­er suchtkranken Mut­ter, fün­fzehn ver­schiede­nen Stiefvätern, ein­er über alles geliebten schießwüti­gen und rup­pi­gen Groß­mut­ter und einem überspan­nten Fam­i­lien­clan aufgewach­sen ist. 

Das Buch ist nicht frei von Humor. Wenn der Autor von sein­er Groß­mut­ter erzählt, die einen Dieb im Garten mit dem Schrot­gewehr zur Strecke bringt und auch son­st nicht ger­ade zim­per­lich ist, ent­behrt das nicht ein­er gewis­sen Komik; der Leser ist geneigt, sich eine kit­telbeschürzte kleinere alte Frau mit großer Brille und noch größerem Schrot­gewehr vorzustellen. 

Die Gewalt bleibt nicht inner­halb der Fam­i­lie, wenn z.b. der ver­sof­fene Ehe­gat­te von der Groß­mut­ter mit Ben­zin in über­gossen und angezün­det wird und nur durch den beherzten Löschvor­gang durch ein Nach­barkind vorm Tod bewahrt wird.
Rohheit und Gewalt wird ger­adezu erwartet, wer als Außen­ste­hen­der ein Fam­i­lien­mit­glied belei­digt, muss mit Prügel rechnen. 

Die Leben­sum­stände des jun­gen Vance sind mehr als ungün­stig. Allein die Groß­mut­ter, die ihn in ihrem Haus aufn­immt, gibt dem Jun­gen den nöti­gen Halt.
J.D. geht seinen Weg. Vom Hill­bil­ly Jun­gen zum Absol­ven­ten ein­er der renom­miertesten Uni­ver­sitäten der Welt. Trotz aller Widrigkeit­en studiert er in Yale erfol­gre­ich Jura. 

Das Buch gibt einen Ein­blick des weißen Prekari­ats der USA. Ein­er Gesellschaft, die sich der­weil vom amerikanis­chen Traum weit­ge­hend ver­ab­schiedet hat. 



J.D. Vance über den Begriff “Hill­bil­lies”
"Der Begriff "Hillbilly" meint ursprünglich einen Menschen, der aus den Appalachen stammt, zum Beispiel aus den Bergen von Kentucky wie meine Familie. Ein typischer Hillbilly stammt von schottisch-irischen Einwanderern ab, er ist weiß, arm, er arbeitet hart und ist durchaus ruppig. Ein Hillbilly scheut nicht davor zurück, ein paar Hiebe auszuteilen, wenn man ihn beleidigt. Millionen dieser Leute sind nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Süden der USA in den Mittelwesten gezogen, um dort in der Industrie, in den Fabriken und Stahlwerken zu arbeiten. Ich verwende den Begriff in meinem Buch daher für die gesamte untere weiße Arbeiterklasse im so genannten "Rostgürtel".

Quelle: suedeutsche.de

Martin Suter — Elefant

Wenn Alko­ho­lik­er weiße Mäuse sehen, ist das ja noch irgend­wie nachvol­lziebar, aber rosa Elefanten?

Der Obdachlose, ehe­ma­lige [aus­gerech­net!] Invest­ment Banker Schoch, eigentlich Dr. Schoch, gerät in den Besitz eines rosa Mini-Ele­fan­ten, der zudem im Dunkeln leuchtet. 

Schnell wird klar, dass es sich um ein gen­ma­nip­uliertes Tier han­deln muss, dessen Exis­tenz offen­bar dazu angedacht ist, als leben­des Spielzeug sol­ven­ter Kun­den zu dienen.
Bald ist Schoch und seinen neuen Fre­un­den, neben skru­pel­losen Wis­senschaftlern und einem Zirkus­di­rek­tor, auch die chi­ne­sis­che Mafia auf den Fersen. Mit Hil­fe ein­er Tierärztin und einem indis­chen Ele­fan­ten­flüster­er gelingt es ihm, das Wun­derti­er dem Zugriff geldgieriger Prof­i­teure zu entziehen. 

Mar­tin Suters Roman „Ele­fant“ ist eine Fabel, die die Mach­barkeit gen­tech­nis­ch­er Verän­derun­gen moralisch in Frage stellt. 

Auch wenn es sich nicht so liest, des schein­bar leicht geschriebe­nen Romans bedurfte es einiges an Vorarbeit. 

In der Danksa­gung auf den let­zten Seit­en wird klar, wie viel Arbeit und Recherche der Schweiz­er Schrift­steller für das Buch einge­bracht hat. 

Bei den Obdachlosen hat sich Suter eben­so umge­se­hen, wie bei Ele­fan­ten­ex­perten. Die umfan­gre­ichen Recherchen merkt man dem Buch an: Es ist mit viel Herzblut geschrieben. 

Die Idee zum Buch indes stammt von Prof. Dr. Math­ias Juck­er: "Er war es nämlich, der mir vor zehn Jahren gesagt hat, es wäre gentechnisch möglich, einen winzigen, rosaroten Elefanten zu erzeugen. Diese Vorstellung hat mich nicht mehr losgelassen," so Mar­tin Suter. Aus diesem einen Satz formte er ein span­nen­des und anrühren­des Buch.

Die Geschichte der kleinen Ele­fan­tenkuh Sabu ist ein Märchen; nicht die schlecht­este Lek­türe, auch für Erwachsene. 

Panikherz

Wenn man Stuck­rad-Bar­res Buch Panikherz liest, ist die Ver­wun­derung groß. Nicht so sehr über das, was er erlebt hat, son­dern darüber, dass er es über­lebt hat.

Panikherz ist eine Auto­bi­ogra­phie eines Teil­ab­schnitts eines Lebens, das in der Regel mit dem Tod endet.
Stuck­rad-Barre lässt den Leser teil­haben an einem kome­ten­haften Auf­stieg eines, ja was eigentlich?
Eines Schreiben­den, eines Getriebe­nen. Der Leser bekommt Ein­blick in die Synapsen eines hochgr­a­dig süchti­gen Men­schen und das mit ent­waffnen­der Ehrlichkeit. 

Er ist mit Anfang zwanzig bere­its da, wo andere nie hinkom­men. Hochgelobter Musikkri­tik­er, erstes Buch mit 23 Jahren. Vier Büch­er in drei Jahren. Eigene TV-Show. Ganz oben. Die Kri­tik­er feiern ihn als der neuen deutschen Poplit­er­at­en der 1990er Jahre. 

Die Kehr­seite: Stuck­rad Barre ist im Dauer­rausch, außer­dem Bulemiker.

Den für Kokain typ­is­che Wahn set­zt er eben­so gekon­nt lit­er­arisch in Szene, wie die klas­sis­che Kon­di­tion­ierung des Suchthirns, sich bere­its beim Vor­bere­it­en des Rauschzu­s­tands den ersten Kick zu verschaffen.

Das Buch ist auch eine Liebe­serk­lärung: An den Mann näm­lich, der den Autor seit seinen früh­esten Kind­heit­sta­gen musikalisch begleit­et hat und aus dessen Tex­ten sich seine Lebens­ab­schnitte in sehn­suchtsvoller Dra­matik zu ver­wirk­lichen scheinen.

Udo Lin­den­berg, Panikpräsi­dent und ein Wis­sender in Sachen Lady Whisky und anderen Stim­u­lanzen. Aus­gerech­net Udo Lin­den­berg, der Abschnitte seines Lebens in ein­er dauer­ber­auscht­en Selb­stver­ständlichkeit selb­st unterzuge­hen dro­hte, half dem Unterge­hen­den zurück in die Nüchternheit. 

Andere tauchen auf, Schrift­steller, Musik­er, alles Kün­stler, mit denen Stuck­rad-Barre irgend­wie zu tun hat­te. In solchen Momenten ist der Leser ist geneigt, den Autor als selb­st­ge­fäl­li­gen, priv­i­legierten Schnösel aus der Ober­schicht festzulegen. 

Hier schreibt ein­er seinen Sucht­bericht. Das ist nichts Neues, viele haben das vor ihm getan. Was ihm fehlt ist die Kom­pro­miss­losigkeit, die Ent­gültigkeit. Die kann er nicht beschreiben, die hat er nur am Rande erlebt. 

Seine Sucht­bi­lanz zieht er aus der Wider­sprüch­lichkeit ein­er Drogensucht: 

"Die vielleicht deprimierendste Eigenschaft einer Drogensucht ist, dass sie zu einem wirklich spießigen Leben führt. Wenn wir Spießertum definieren als eine totale, zwanghafte Regelmäßigkeit, die nichts so fürchtet wie Varianten und Abwechslung."

Ben­jamin Stuck­rad-Bar­res Buch ist das Pro­tokoll sein­er Sucht, lit­er­arisch gelungen. 

Heinz Strunk — der goldene Handschuh

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Wer als Leser einen kleinen Ein­blick in die Trost­losigkeit ver­loren­er See­len haben möchte, ist bei Heinz Strunks neuem Roman genau richtig. 

Schau­platz des Romans um den Serien­mörder Fritz Hon­ka ist die Kneipe „Zum gold­e­nen Hand­schuh“ auf der Reeper­bahn in den siebziger Jahren. Ort für diejeni­gen, die der Alko­hol und die Umstände zu kör­per­lichen und seel­is­chen Wracks gemacht hat. 

So auch Fritz Hon­ka, den alle nur als Fiete ken­nen. Fiete hat in sein­er Jugend bere­its reich­lich Erfahrung mit all dem gemacht, was die Kneipe alltäglich zu bieten hat: Alko­hol, Gewalt, Exzesse, Blut und Ekel. Davon han­delt der Roman und davon erzählt sein Autor Heinz Strunk der­art detail­liert, dass empfind­liche Gemüter das Buch bess­er nicht lesen sollten. 

Wer bsp­ws. noch nicht so genau wusste, wie es sich anfühlt, nach ein­er durchzecht­en Nacht mor­gens aufzuwachen und ein stink­endes, zahn­los­es sab­bern­des men­schlich­es Wrack neben sich im Bett zu haben, der sollte Strunk lesen. 

Der Aufhänger in Strunks Roman ist der Serien­mörder Hon­ka, der zwis­chen Dezem­ber 1970 und Jan­u­ar 1975 in Ham­burg vier Frauen ermordete. Das Buch ist allerd­ings kein Kri­mi, son­dern eher eine Milieustudie über die, deren „Gle­ich­mut es erlaubt, bei lebendi­gem Leib zu verrotten.“

Wobei der kör­per­liche Ver­fall durch die Droge Alko­hol dem geisti­gen in nichts nachsteht. 

Unweiger­lich stellt sich die Frage nach einem Ver­gle­ich zu Bukows­ki; der Unter­schied ist gewaltig: Bukowk­si kann jed­er noch so hässlichen Sit­u­a­tion etwas abgewinnen,in Bukowskis meist auto­bi­ographis­chen Erzäh­lun­gen verbleibt zumin­d­est ein Rest Humor. 

Strunks Roman ist humor­frei und blickt in den Abgrund des sadis­tis­chen Mörders Hon­ka und der absoluten Ver­ro­hung men­schlichen Daseins. 

Inside IS

Jür­gen Toden­höfer ist ein Mann mit vie­len Tal­en­ten. Er war Richter, Bun­destagsab­ge­ord­neter, Vor­standsmit­glied des Medi­enkonz­erns Bur­da und Jour­nal­ist. Außer­dem hat Toden­höfer an die zehn Büch­er geschrieben. Sein neues Werk heißt Inside IS – 10 Tage im islamis­chen Staat; der Titel ist dabei Pro­gramm. Toden­höfer bereist als Pub­lizist durch den islamis­chen Staat bis Mossul.

Einzige Sicher­heit während sein­er Reise ist eine vom Kalifen des IS, Abu Bakr al-Bagh­da­di aus­gestellte Urkunde, die den Reisenden sicheres und freies Geleit garantiert. Toden­höfer ist in der islamis­chen Welt als Kri­tik­er impe­ri­al­is­tis­ch­er Poli­tik bekan­nt. Vor­ab beschreibt Toden­höfer etliche Inter­views via Skype, allen voran mit dem deutschen Kon­ver­titen Chris­t­ian Emde, der sich jet­zt Abu Qatadah nennt. 

Die lebens­ge­fährliche Reise, die Toden­höfer zusam­men mit seinem Sohn untern­immt, endet nach zehn Tagen zurück in der Türkei. Toden­höfer beant­wortet mit seinem Erlebten die drän­den­den Fra­gen, die sich wohl jed­er in der heuti­gen Zeit stellt: Wie mächtig ist der Islamis­che Staat? Was treibt deren Gefol­gsleute zu den Gräul­tat­en? Warum lassen sich täglich Deutsche und andere Nation­al­itäten als Kämpfer für den IS ausbilden? 

Ein span­nen­der Ein­blick in den All­t­ag ein­er Terrorgesellschaft. 

Revival

Im Juni 2014 antwortete Stephen King auf die Frage nach seinem neuen Buch: “Es ist zu Furcht ein­flößend. Ich will über dieses Buch gar nicht mehr nach­denken. Es ist ein fieses, düsteres Werk. Das ist alles, was ich Ihnen sagen kann.”

Man kön­nte meinen, das wäre eine beson­ders gute Wer­bung für ein Buch, dessen Autor Hor­ror­ro­mane schreibt. 

Nun wenn dem so ist, so ist es wahrschein­lich nicht beab­sichtigt. King ver­ab­schiedet sich von Zeit zu Zeit von der realen Welt , um einzu­tauchen in die düstere Phan­tasiewelt sein­er Büch­er. Er ist als Erzäh­ler ein Aus­nah­metal­ent. Stephen King führt den Leser an der Hand, er nimmt in mit in das Reich der Phan­tasien. So natür­lich auch wieder in seinem neusten Roman: Revival. 

Der sech­sjährige Jamie Mor­ton spielt im Jahre 1962 vor dem Haus im Sand, als ein Schat­ten auf ihn fällt. Dieser Schat­ten ist der neue Rev­erend der Stadt, der zusam­men mit sein­er wun­der­schö­nen Frau die örtliche Kirche reformieren soll.
Die Män­ner und Jungs sind alle ein biss­chen ver­liebt in Mrs. Jacobs, die Frauen und Mäd­chen fühlen das­selbe für Rev­erend Jacobs – auch Jamies Mut­ter und seine Schwest­er Claire. Mit Jamie Mor­ton teilt der Rev­erend eine tief­ere Verbindung, die auf ein­er geheimen Besessen­heit basiert. Als eine Tragödie die Fam­i­lie Jacobs heim­sucht, ver­flucht dieser charis­ma­tis­che Predi­ger Gott und ver­lässt den kleinen Ort.
30 Jahre später: Jamie, inzwis­chen Hero­in abhängiger Gitar­rist, der in ver­schiede­nen Bands gespielt hat, trifft Charles Jacobs wieder. Der ehe­ma­lige Rev­erend ist inzwis­chen als Gauk­ler auf Jahrmärk­ten unter­wegs, um Men­schen von ihren schw­eren Krankheit­en zu heilen, was tat­säch­lich zu gelin­gen scheint.
Auch von der Hero­in­sucht befre­it Jacobs Jamie Mor­ton, der ihn aus Dankbarkeit als Helfer eine Zeit lang begleit­et und dabei die unfass­baren Heilungser­folge des Rev­erend miter­lebt. Die Wege des Rev­erends und Jamie tren­nen sich. Weit­ere 20 Jahre später sollen sie sich wieder kreuzen und Jamie, noch tief in der Schuld des Rev­erend, schließt einen Pakt, der dem mit dem Teufel gleicht.